Markus Breitenberger
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Homöopathie und Schulmedizin

Homöopathie und Schulmedizin haben beide ihre Möglichkeiten und Grenzen und sollten sich im Praxis- und Klinikalltag vielmehr ergänzen als miteinander konkurrieren. Das bedeutet in der Praxis, dass Schulmediziner, Homöopathen, Heilpraktiker und Psychotherapeuten sich zum Wohle des Patienten vernetzen, austauschen und zusammenarbeiten.

Homöopathie ist eine eigenständige Heilkunst, die im kranken Organismus die Selbstheilungskräfte aktiviert. Die Erfahrung zeigt, dass sie Erstaunliches in der Therapie auch schwerer Krankheiten leisten, diese nicht nur lindern, sondern wirklich heilen kann. Daneben vermag sie gerade bei Heranwachsenden, durch die sogenannte Konstitutionsbehandlung, eine individuelle Anfälligkeit (Disposition) für potentielle Krankheiten positiv zu beinflussen. Durch diese Möglichkeiten der Heilung und Verhütung von Krankheiten ist sie eine große Bereicherung für die heutige Medizin.
Homöopathie ist eine `personotrope´ Medizin, d.h. der kranke Mensch und seine ganz persönlichen Lebensumstände stehen im Mittelpunkt der Behandlung. Der Therapeut braucht, neben einer umfassenden homöopathischen und allgemeinmedizinischen Kompetenz, v.a. ausreichend Zeit, um in der Anamnese sein Gegenüber und dessen ganz spezielle Probleme wirklich zu verstehen. Gesundheit und Krankheit sind im homöopathischen Verständnis zusammenhängende Pole eines labilen Gleichgewichts. Krankheit wird als komplexes, meist multikausales Geschehen gesehen. Jeder Mensch reagiert darauf immer als ganzes Wesen, hat aber eine konstitutionelle Anfälligkeit, die das Bild der Krankheit am `locus minoris resistentiae´ ausdrückt, also an der Stelle, die schon vorgeschwächt ist. Krankheit kommt damit nicht nur von außen, sondern muss auf eine ganz spezifische innere Empfänglichkeit treffen, um pathologisch zu werden. Die homöopathische Therapie beeinflusst nicht nur die organischen Veränderungen, sondern auch diese individuell-krankhafte Veranlagung.
Gesundheit ist ein sehr subjektives Empfinden, das sich nicht allgemein festlegen, normieren und in stati(sti)schen Werten ausdrücken lässt.

Die sogenannte Schulmedizin beweist ihre große Stärke v.a. in der Diagnostik und der operativen Behandlung von Erkrankungen, auf die der Organismus nicht mehr aktiv reagieren kann. Damit leistet sie einen unverzichtbaren Dienst für die Medizin.
Sie ist eine `organotrope´ Medizin, d.h. das erkrankte Organ wird als die eigentliche Krankheit verstanden und isoliert betrachtet.
Gesundheit bedeutet hier einen stabilen Zustand, „… ein(en) Zustand, in dem Erkrankung und pathologische Veränderungen nicht nachgewiesen werden können“ (Pschyrembel). Gesundheit wird also definiert als die Abwesenheit von Krankheit, die als Normgesundheit gewogen, gemessen und gezählt werden kann.
In diesem Dualismus von Gesundheit und Krankheit wird die Philosophie der Aufklärung als wesentlicher Einflussfaktor und theoretisches Verhängnis der Schulmedizin erkennbar. Rene Descartes, ein früher rationalistischer Denker, hat die Gesetze der Mathematik auf den Menschen übertragen, um die Komplexität des Daseins besser verständlich zu machen. Gegensätzliche, aber wesenhaft zusammengehörige Polaritäten (Gesundheit-Krankheit/Leib-Seele/Mensch-Gott) wurden in zwei voneinander unabhängige Prinzipien geteilt. Um verlässliche Aussagen über das Leben zu treffen, wurde fortan abstrahiert und die Anzahl der Variablen reduziert. Das Leben hat aber unzählige Variablen, und so wird die statistische Wahrscheinlichkeit (das, was wahr scheint) der Naturwissenschaft für die Wahrheit des Lebens (das, was war und ist) gehalten. Dieses Denken fordert starre Konzepte und es werden zunehmend normierte Behandlungsschemata entwickelt, die nebenbei Zeit und Kosten einzusparen sollen (Stichwort: stationäre `Fallpauschalregelung´, ambulante `disease management programs´).
Durch solche Generalisierung gewinnt die Schulmedizin zwar Sicherheit, z.B. auf dem Gebiet der Chirurgie, verliert aber gleichzeitig das Verständnis für lebendige Menschen und deren Probleme und Bedürfnisse. Sie ist heute die einzige Naturwissenschaft, die an der kartesianischen Philosophie festhält, und damit weniger eine Wissenschaft der belebten Natur als der unbelebten Materie. Eine Trennung von Körper und Geist wurde in anderen Wissenschaftsbereichen spätestens seit den Erkenntnissen der Quantentheorie (Materie = verdichtete Energie) aufgegeben.
Die Krise des Gesundheitssystems basiert somit auf einem überholtem Menschenbild und einem Gesundheits- und Krankheitsverständnis, das so nicht mehr gültig und finanzierbar ist.