Markus Breitenberger
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Salutogenese

Gesundheit im Mittelpunkt

Nicht selten scheint durch die Fixierung auf das Defizitäre, das, was schlecht ist und immer
besser sein könnte, der Blick verstellt für die positiven, sinnvollen und lebenswerten Eigenschaften
des Lebens.
So hat sich auch in der Medizin das Paradigma der `Pathogenese´ über Jahrhunderte
durchgesetzt. Es wird hierbei die Frage gestellt, was krank macht und wie die pathogenen
Faktoren durch Prävention und Therapie vermindert werden können. Folglich wird nach dem
die Krankheit verursachenden Erreger, dem helfenden Antibiotikum oder der vorbeugenden
Impfung gesucht.
Die Medizin ist mit dieser Denkart und den erwachsenden Konsequenzen an ihre Grenze
gestoßen. Zum einen werden die Menschen zwar immer älter, leiden aber auch in einem nie
dagewesenen Maß an chronischen Erkrankungen und sind dadurch nicht wirklich gesünder
als in früheren Zeiten. Zum anderen sind die im Gesundheitswesen gestiegenen Leistungen
und Kosten nicht mehr finanzierbar. Dadurch entsteht die Notwendigkeit, Methodik und Gültigkeit
der gegenwärtigen Medizin zu überprüfen und andere Ansätze zu untersuchen.
Die Salutogenese ist im englischen Sprachraum ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts
als Konzept entwickelt worden und findet bei uns zunehmend Gehör im akademischen und
gesundheitspolitischen Diskurs. Kennzeichnend für die salutogenetische Fragestellung – Woher
kommt Gesundheit? Wie kann sie gestärkt werden? Warum bin ich gesund geblieben, wo alle
um mich herum eine Infektion bekommen haben? – ist ein positiv gerichteter Ansatz: Was kann
ich für das Gelingen einer bestimmten Sache machen, nicht, was muss ich dagegen halten,
damit etwas nicht geschieht. Anzuwenden ist dieses Prinzip über die Medizin hinaus auf nahezu
alle Bereiche des menschlichen Lebens.
Pathogenese (Was macht krank?) und Salutogenese (Was macht gesund?) haben beide ihre
Berechtigung in medizinischen Untersuchungen, jedoch wurde die Aussagekraft pathogenetischer
Forschung für lebende Organismen seit Jahrhunderten deutlich überschätzt, was uns die
gegenwärtige Krise im Gesundheitssytem deutlich macht.
Im folgenden werden die wesentlichen Unterschiede dieser beiden komplementären Konzepte
beschrieben. Die salutogenetische Orientierung gibt die Vorstellung auf, der Mensch sei
entweder gesund oder krank, wobei Krankheit eine Abweichung vom Normalzustand bedeutet.
Vielmehr sind Gesundheit wie auch Krankheit charakteristisch für menschliches Leben, und
die Tatsache eines `Gesundheits- Krankheits-Kontinuums´ kann als Normalzustand beobachtet
werden. Im Leben ist ein Sich- Einlassen auf ein `labiles Gleichgewicht´ gefordert, kann doch
ein “stabiler” Zustand nur Kennzeichen toter Materie sein.
Es geht nicht um das Vermeiden von heterostatischen (griech.: in einen anderen Zustand
versetzenden) Lebensprozessen, sondern darum, ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit
und Resistenz dadurch aktiv zu erwerben, dass der Mensch sich mit dem allgegenwärtig
Fremden, mit Konflikten und Stressoren auseinanderzusetzen und die Grenzen seelischer
und körperlicher Belastbarkeit kennen und auszudehnen lernt.

Vom salutogenetischen Standpunkt aus werden Stressoren nicht als etwas Unanständiges
angesehen, das fortwährend reduziert werden muss. Darüberhinaus gelten die Konsequenzen
der Stressoren nicht notwendigerweise als pathologisch, sondern als möglicherweise sehr
gesund, abhängig vom Charakter des Stressors und der Möglichkeit einer erfolgreichen
Auflösung der Anspannung.
Anstatt sich auf eventuell krankmachende Bedingungsfaktoren zu konzentrieren, ist es
entscheidender zu fragen, welche Faktoren daran beteiligt sind, dass der Mensch seine
Position auf dem `Gesundheits-Krankheits-Kontinuum´ beibehalten oder auf den gesunden
Pol hinbewegen kann.
Im Gegensatz zu der Suche nach einer Art Wunderwaffe gegen Krankheit müssen wir nach
Quellen suchen, die aktive Adaptation des Organismus an seine Umwelt fördern.
Es scheint die Hybris der naturwissenschaftlichen Forschung zu sein, sich über
Gesetzmäßigkeiten menschlichen Lebens hinwegzusetzen; sie postulieren, Leben, Lernen
und Wachstum könnten ohne aktive Anstrengung und Auseinandersetzung und ohne eine
immanente Gefahr vollzogen werden. Diesem Wunschdenken und Trend gemäß hat sich
eine zunehmend konfliktscheue Gesellschaft entwickelt, in der nach Hochrechnungen der
WHO im Jahre 2100 jeder zweite Bewohner der Industrienationen von Tabletten oder Drogen
abhängig sein wird. Aber gerade eine solche Gesellschaft kann es sich nicht mehr leisten,
mit althergebrachten Methoden Antworten auf aktuelle Fragen zu suchen.
Typisch für das pathogenetische Prinzip ist der Rat: Impfe dich gegen alle möglichen Erreger,
vermeide jeden Stress und Ärger, lasse dich krank schreiben oder nimm eine Tablette bei
jedem Unwohlsein.
Für die Salutogenese ist kennzeichnend: wie lerne ich mit herausfordernden Lebenssituationen
zurechtzukommen und innerlich wie äußerlich flexibel darauf zu reagieren, um ein hohes
Maß an selbstregulierenden und damit selbstheilenden Möglichkeiten zu erlangen?
Entsprechend der „Fluss-abwärts-Perspektive“ (A. Antonovsky: Salutogenese, 1997) versucht
die konventionelle Medizin Ertrinkende aus einem reißenden Fluss zu bergen. Dieser Aufgabe
zugetan, werden Augen und Bewusstsein niemals auf das gerichtet, was stromaufwärts
passiert, darauf, wer oder was all die Menschen in den Fluss stößt. Fast niemand springt
aus freiem Willen in den Fluss und weigert sich zu schwimmen. Die entscheidende
salutogenetische Frage untersucht, wie man ein guter Schwimmer wird, wo immer man sich
in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen
Umweltbedingungen bestimmt wird.
Es wird nicht geleugnet, dass die sog. Schulmedizin segensreich sein kann, wenn sie einem
Ertrinkenden einen Rettungsring zuwirft. Jedoch lautet der Vorwurf, dass dies zu häufig, zu
undifferenziert und zu dogmatisch geschieht.
Was nun erleichtert mir das selbständige Schwimmen im Lebensstrom? Was erhöht die
Adaptationsfähigkeit an Lebensbedingungen, die nicht immer angenehm sind? Was führt zu
einer Gesundheit, die auch mittel- und langfristig den Anforderungen des Lebens gerecht
wird?
Sicherlich ist es ein wesentlicher heilbringender Faktor, Verantwortung für sich und seine
Umwelt zu übernehmen. Gesundheit bedeutet heil sein im Sinne von ganz sein, im Einklang
mit sich und seiner Umwelt zu sein und zu einem Gefühl für den Zusammenhang alles
Seienden zu gelangen. Krankheit ist stets die Folge von Desintegration einzelner Prozesse,
Funktionen oder Substanzen im Organismus. In dieser Hinsicht sind vor allem die
Forschungsergebnisse von Anton Antonovsky und Abraham Maslow von entscheidender
Bedeutung.

Anton Antonovsky (1923-1994) gilt als Vater des salutogenetischen Paradigmas. Er formulierte
seine Theorie nach medizinsoziologischen Untersuchungen an Überlebenden des Holocausts,
die wider Erwarten seelisch und körperlich gesund blieben und überprüfte diese erstaunlichen
Erkenntnisse später an Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen und
soziokulturellen Kreisen. Sein Streben war, verbindliche Voraussetzungen herauszuarbeiten,
die scheinbar gesunden und zufriedenen Menschen zueigen sind, um eben diese Eigenschaften
zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit fördern zu können.
Drei wesentliche Faktoren tragen nach seiner Untersuchung zur Manifestation eines
„Kohärenzgefühls“ (=vertrauensvolle Orientierung im Leben) und damit zu wachsender
Gesundheit bei.
Menschen sollten möglichst von früher Kindheit an lernen, zu einer befriedigenden
Weltanschauung zu gelangen. Sie sollten lernen, dass die Welt

  • verstehbar
  • handhabbar
  • bedeutsam ist.

Diese Bedingungen zeigten sich durch Antonovskys Untersuchungen als die wichtigsten
Faktoren für anhaltende Gesundheit.
Ein weiterer wichtiger salutogenetischer Denker und Forscher war Abraham Maslow (1908-
1970), neben Erich Fromm und Carl Rogers einer der Begründer der humanistischen
Psychologie und Psychotherapie.
Er hat sich die Frage gestellt, warum gesunde Menschen so wenig beachtet werden. Vielleicht,
so meinte er, könnte man von ihnen Erkenntnisse gewinnen, um gesünder zu werden. So
startete er eine mehrjährige Untersuchung, um das Wesen der Gesundheit an gesunden
Menschen zu erforschen.
„Als ich begann, die psychische Gesundheit zu untersuchen, wählte ich die hervorragendsten
und gesündesten Personen aus (…) und untersuchte ihre Eigenschaften. Sie waren sehr
anders, in mancher Hinsicht überraschend anders als der Durchschnitt“ (A. Maslow: Motivation und Persönlichkeit).
Seine Ergebnisse sind beeindruckend und seiner Untersuchung zufolge zeichnen sich gesunde Menschen durch die folgenden Merkmale aus:

  • sie besitzen eine bessere Wahrnehmung der Realität
    (Fähigkeit, Menschen und Sachverhalte richtig zu beurteilen)
  • sie können sich selbst, andere und die Natur akzeptieren
    (Mangel an Schutzfärbung, Verteidigung oder Pose, Abneigung gegen Gekünsteltheit,
    Lüge, Heuchelei, Eindruckschinden)
  • sie besitzen Natürlichkeit, Spontanität, Einfachheit und Bescheidenheit
    (lassen sich durch Konventionen von individuellen Lebensaufgaben nicht abhalten)
  • sie sind problem- sach- und themenorientiert
    (nicht ich-orientiert)
  • sie haben ein Bedürfnis nach Privatheit
    (ohne Unbehagen allein sein können)
  • sie sind autonom, aktiv und wachstumsorientiert
    (Unabhängigkeit von der physischen und sozialen Umwelt; Antrieb durch Wachstums- und
    Leistungsmotivation)
  • sie besitzen eine unverbrauchte Wertschätzung
    (grundlegende Lebensgüter werden mit Ehrfurcht, Freude, Staunen geschätzt)
  • sie wurden von mystischen Erfahrungen geprägt
    (Ich-Verlust und Erfahrung der Transzendenz durch sog. „Gipfelerlebnisse“)
  • sie besitzen Gemeinschaftsgefühl
    (tiefes Gefühl der Identifikation, Sympathie und Zuneigung)
  • sie können die Ich-Grenze überschreiten
    (intensive interpersonelle Beziehungen)
  • sie haben eine demokratische Charakterstruktur
    (freundlicher Umgang mit Menschen ungeachtet von Klasse, Rasse, Erziehung, Glauben)
  • sie besitzen eine starke ethische Veranlagung
    (feste moralische Normen, keine chronische Unsicherheit hinsichtlich des Unterschieds
    zwischen richtig und falsch)
  • ihr Humor ist philosophisch, nicht feindselig
    (sie lachen nicht über feindselige, verletzende oder Überlegenheitswitze)
  • gesunde Menschen sind ohne Ausnahme kreativ
    (sie leisten Widerstand gegen Anpassungsdruck)

Diese Forschungsergebnisse darüber, was Gesundheit ausmachen und wiederherstellen
kann, sind ein erster Meilenstein für eine gesündere Zukunft, in der Gesundheit wieder mehr
als nur die Abwesenheit von Krankheit ist, und die vor allem wieder durch mehr
Selbstverantwortung geprägt sein muss.
Es zeigt sich die Verantwortung, die wir in der Erziehung unseres Selbst und unserer Kinder
tragen. Gesundheit scheint damit keine Illusion mehr zu sein, die wir nur von außen erfüllt
zu bekommen wünschen, sondern ein innerer Auftrag, den wir aufgefordert sind aktiv zu
verwirklichen.

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