Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Schadet Krippenbetreuung?

Eine große Anzahl an Kleinkindern wird in Deutschland schon sehr früh außerhalb der Familie betreut. Staatliche Programme fördern diese Entwicklung massiv und gestatten sogar einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Kinder ab dem 1. Lebensjahr. Seit Januar 2016 wird das Betreuungsangebot sogar auf 24 Stunden an 7 Tagen ausgebaut. Ist das wirklich ein Fortschritt, der dem Wohlergehen von Kindern und Familien zugute kommt, oder bestimmen hier ganz einfach die Arbeitswelt und wirtschaftliche Erfordernisse darüber, welche kindlichen Bedürfnisse berücksichtigt werden können?

Aus medizinischer und psychologischer Sicht ist mit großer Sicherheit zu sagen, dass ein Kleinkind unter drei bis vier Jahren keine pädagogische Einrichtung benötigt. Wohl aber eine geborgene familiäre Umgebung mit feinfühligem Kontakt zu den primären Bezugspersonen. Wie kommt es dann, dass Eltern, die ihre Kinder ohne Zögern als das Wichtigste in ihrem Leben nennen, den Großteil ihres Lebens ohne ihre Kinder verbringen?

Die moderne Familie

…gefangen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Es gilt als aufgeklärt und modern Kinder meist ohne Not schon vor dem 1. Lebensjahr in Gruppen fremdbetreuen zu lassen. Selbstverständlich ist all das gesetzlich geregelt. Das Ganze wird mit dem Begriff „Familienfreundlichkeit“ umschrieben, die sich im Wesentlichen über das Angebot an Krippenbetreuungsplätzen definiert. Dabei sieht es im Moment so aus, dass eine frühe ganztägige Betreuung unter den derzeit gegebenen Bedingungen in den meisten Einrichtungen eher ein Risiko als eine Chance für zukünftige Generationen ist.

Man kann es aber auch so sehen, dass Kinder, wie schon zuvor Alte und aktuell Flüchtlinge wie soziale Randgruppen behandelt werden, die in einer auf grenzenloses ökonomisches Wachstum ausgerichteten Gesellschaft wie Sand im Getriebe stören. Man versucht sie außerhalb der eigenen Komfortzone zu halten und schiebt sie ab. Sie kosten Zeit und Geld – ein Luxus, den sich doppelverdienende Eltern und der Staat nicht mehr leisten können.

Kindeserziehung: von Familienbetreuung zur institutionalisierten Unterbringung und Krippenbetreuung

1996 wurde in Deutschland der Rechtsanspruch auf Tagesbetreuung für Kinder ab dem 3. Lebensjahr eingeführt. Die Quote der Tagesbetreuung für die 3- bis 5-Jährigen stieg seitdem auf 92.5 Prozent. Im Jahr 2008 hat die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die „Krippenoffensive“ durchgesetzt und heute setzt sie als Verteidigungsministerin weitere fragwürdige Offensiven durch.

Frau von der Leyen sprach damals von „einem Meilenstein“ und sie prophezeite „Das wird unser Land spürbar verändern.“ Und sie hat recht behalten. Doch sind die Veränderungen meist nicht nur entlastend für Familien, sondern Antwort auf eine gesellschaftliche Herausforderung, die den Fragen und Bedürfnissen noch nicht ausreichend gerecht werden. Im Januar 2016 folgte mit „KitaPlus“ der nächste Schritt. Dieses Programm der Bundesregierung trägt den Zusatz: „Frühe Chancen“.

Doch für wen soll das eine Chance sein, wenn die Betreuungszeiten in (Kleinkind-) Einrichtungen erweitert werden auf Wochenenden, Feiertage und Nachtzeiten? Auch der Zusatz „Frühe Bildung – Gleiche Chancen“ ist völlig daneben, wenn man beachtet, dass eine Kernaussage der Bindungsforschung ist: „Bindung geht vor Bildung“. Das würde konsequenterweise bedeuten, dass gerade für Kleinkinder unter zwei bis drei Jahren die familiäre Umgebung wichtiger ist, als kognitive Förderung rund um die Uhr.

Wirtschaftsverbände entscheiden über das Wohl unserer Kinder

Und wer noch zweifelt, dass das 24-Stunden-Betreuungsangebot wohl keine weitere Maßnahme zum gesteigerten Wohlbefinden von Kindern sein kann, der sollte einen Blick darauf werfen, wer diesen Wahnsinn, der an die „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley erinnert, stimmgewaltig durchgesetzt hat.

Das Bundesprogramm „KitaPlus“ wird von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, der Bundesagentur für Arbeit, dem Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Deutschen Städte- und Gemeindebund sowie dem Deutschen Städtetag unterstützt. All diese Vereinigungen lassen vermuten, dass sich die wirtschaftlichen Interessen mal wieder durchgesetzt haben auf Kosten der Gesundheit einer nächsten Generation.

Diese Kampagnen orientieren sich also nicht an den pädagogischen, psychologischen und entwicklungsmedizinischen Bedürfnissen der Kinder, sondern gehen im Wesentlichen auf die massive politische Lobbyarbeit von Wirtschaftsverbänden zurück, die angesichts der demographischen Entwicklung versuchen, Arbeitskraftreserven auch unter jungen Eltern zu mobilisieren und den erheblichen Fachkräftemangel auszugleichen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Eltern fühlen sich zerrissen wie nie zuvor von den gegensätzlichen Anforderungen, die Familie und Beruf an sie stellen. 62 Prozent der Eltern in Deutschland beklagen, dass in ihrer Arbeitsstelle Beruf und Familie nur schwer zu vereinbaren sind (pronovaBKK, Junge Familie 2015). Angesichts der sozialen Möglichkeiten, die durch die „bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zumindest auf dem Papier geschaffen wurden, braucht man heute schon gute Argumente, wenn man sich als Elternteil mit so altertümlichen Dingen wie Kindeserziehung innerhalb der Familie abgibt.

In meiner Tätigkeit als Heilpraktiker, Homöopath und Paartherapeut in München begleite ich viele (werdende) Eltern auf ihrem manchmal schwierigen Weg ihr Familien- und Berufsleben in Balance zu bringen. Dabei wird immer wieder deutlich, was es für einen immensen Stress macht dem Vereinbarkeits-Diktum zu folgen.

Überforderte Eltern

Viele Eltern erschöpfen sich vollständig und bemerken, dass sie weder den Ansprüchen des Berufs noch den Erwartungen der Familie gerecht werden können, wenn sie alles gleichzeitig versuchen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist Mainstream geworden, der ganz normale Wahnsinn nach dem Motto: Alles ist möglich und am besten alles auf einmal. Ist das nicht auch ein bisschen ein Krankheitssymptom unserer modernen Welt?

Natürlich ist heute sehr viel möglich, aber Multitasking geht meist auf Kosten der eigenen Gesundheit und der Beziehung zu seinen Mitmenschen. Und wer unbedingt alles miteinander zu vereinbaren sucht, hat vor allem eines: Angst etwas zu verlieren.

Ein Gegenmittel zu diesem pathologischen Mainstream wäre die Stärkung der eigenen Mitte und des eigenen Selbstbewusstseins und der Mut entgegen der allgemeinen Meinung nicht die Erwerbstätigkeit und das Geldverdienen als zentralen Lebensinhalt anzuerkennen, sondern wieder Spielräume für sich und die Kinder zu schaffen.

In den Gesprächen mit Ratsuchenden Eltern zeigt sich, was wirklich dabei helfen könnte Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen:

  • Bessere finanzielle Unterstützung für Eltern mit Kindern bis zum fünften Lebensjahr
  • Bedingungsloses Grundeinkommen
  • Flexiblere Arbeitszeiten
  • Lebensphasenorientiertes Arbeiten mit Langzeitarbeitskonten

Überforderte Kinder

Wenn Eltern mit ihren Kleinkindern in meine Heilpraktiker-Praxis in München kommen, leiden diese meist schon chronisch unter Beschwerden wie Neurodermitis, gehäuften (Streptokokken-) Infektionen, Bauchschmerzen oder Verhaltensauffälligkeiten. Diese stresssensitiven Erkrankungen treten bei Kindern, die in Krippen betreut wurden bis zum 6. Lebensjahr signifikant häufiger auf.

Oft haben sie schon eine längere vergebliche Odyssee bei Kinderärzten hinter sich gebracht, die zwar die akuten Symptome mit fiebersenkenden Medikamenten, Antibiotika oder Cortisonsalben stets zu bändigen wussten, jedoch nichts gegen die immer wieder auftretenden Beschwerden ausrichten konnten. Es reicht nicht aus nur das kranke Kind zu untersuchen.

Die Möglichkeiten für die gesunde Entwicklung eines Menschen  sind nicht nur in dessen individueller Konstitution begründet, sondern auch und gerade in dem System, das es umgibt. Das veranlasste schon vor mehr als 50 Jahren den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott zu der Aussage „There`s no such thing as a baby…“, womit gemeint ist, dass man ein Baby und Kleinkind nur dann angemessen untersuchen und therapieren kann vor dem Hintergrund seiner Mutter und der Familie, in der es aufwächst.

„Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch…“

Nun ist es aber heute so, dass die allermeisten Kinder von Anfang an nicht mehr in den ursprünglichen Familien aufwachsen, sondern einen Großteil ihrer Zeit in Einrichtungen wie Krippen untergebracht sind. Je früher und je mehr Zeit Kinder in Einrichtungen verbringen, desto negativer wirkt sich das auf ihre Gesundheit und ihr Verhalten aus.

Kinder unter zwei Jahren sind dabei besonders gefährdet. Dr. Rainer Böhm Kinder- und Jugendarzt und leitender Arzt des Sozialpädiatrischen Zentrums Bielefeld-Bethel sagt dazu: „Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank“.

Das gilt insbesondere für ganztags Krippenbetreuung und zwar unabhängig davon, ob Kinder ihre Zeit in schönen Räumen, mit ansprechendem Spielzeug und netten ErzieherInnen verbringen. Dauerhafte Stressbelastung in dieser sensiblen Entwicklungsphase stellt ein hohes nachweisbares Risiko für die körperliche, geistige und seelische Entwicklung dar und kann somit schädlich wirken.

Kita-Stress ist messbar: Mehr als 80 Prozent der ganztagsbetreuten Krippenkinder verbringen den Tag in ängstlicher Anspannung

Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, sind am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern zu vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. Cortisol ist ein Hormon, das im Speichel gemessen, Auskunft über die Stressbelastung eines Menschen gibt.

Normalerweise ist am Morgen der Cortisolspiegel hoch und fällt zum Abend hin ab. Bei früh in Gruppen betreuten Kindern sieht man hier deutliche Abweichungen und bei ganztägiger Betreuung zeigen bis zu 80 Prozent der Kinder sogar eine Umkehrung mit ansteigendem Cortisol im Tagesverlauf. Und diese Werte sind unabhängig von der Betreuungsqualität der Einrichtung.

Dieses Wissen sollte man nicht ignorieren, wenn Kinder Auffälligkeiten zeigen und beispielsweise abends nicht zur Ruhe kommen und die ganze Familie in Aufruhr halten. Erhöhtes Cortisol gilt in der Medizin als Hinweis auf Strapaze und Angst und eine ineffektive Regulation von Stress und Affekten wird als zentraler Faktor von Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Erkrankungen angesehen.

Forschungsergebnisse

Weltweit führende Spezialisten für frühkindliche Entwicklung haben Anfang der neunziger Jahre am renommierten „National Institute of Child Health and Development“ (NICHD) eine differenzierte Studie zu kognitiver und sozioemotionaler Entwicklung bei Tagesbetreuung „Study of Early Child Care and Youth Development“ (SECCYD) angelegt, in der nahezu alle Faktoren berücksichtigt wurden, die für die kindliche Entwicklung relevant sind.

Mehr als 1300 Kinder aus US-amerikanischen überwiegend weißen Mittelschichtfamilien, wurden im Alter von einem Monat in die Studie aufgenommen. Über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren wurden sodann die kognitive Entwicklung und das Verhalten der Kinder detailliert gemessen. Bestimmt kann man diese Daten nicht zu 100 Prozent auf die derzeitige Situation in Deutschland übertragen, jedoch haben die Grundaussagen der NICHD-Studie auch hier ihre Gültigkeit.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie zur Krippenbetreuung sind folgende:

  1. Außerfamiliäre Kinderbetreuung beeinflusst die Eltern-Kind-Bindung nicht grundsätzlich negativ.
  2. Risiken für die Mutter-Kind-Bindung und für körperliche und psychische Entwicklungsstörungen entstehen durch folgende Faktoren:
    – Dürftige Qualität der Fremdbetreuung
    – Geringe mütterliche Feinfühligkeit
    – Krankheit der Mutter, wie Depression
    – Geringer Bildungsstand der Eltern
    – Armut
    – Getrennt lebende Eltern
    – Umfangreiche Fremdbetreuung mit mehr als 20 Wochenstunden
    – Frühe Fremdbetreuung bei Kindern unter 2 Jahren
  3. Krippenbetreuung wirkt sich unabhängig aller anderen Messfaktoren schädlich auf die sozioemotionale Kompetenz der Kinder aus. Je mehr Zeit die Kinder in der Krippe verbrachten, desto auffälliger und dissozialer war ihr Verhalten später. Bei den ganztags betreuten Kindern zeigten 25 Prozent im Alter von vier Jahren klinisch relevantes Problemverhalten. Und diese Entwicklung zeigte sich auch bei hoher Betreuungsqualität.
  4. Der elterliche Einfluss auf die kindliche Entwicklung ist wesentlich höher als der von Betreuungseinrichtungen. Die Qualität der mütterlichen Betreuung durch die Mutter erwies sich als stärkster Faktor für kognitive und soziale Kompetenzen.

Handlungsempfehlungen aus der NICHD-Studie

Aus den genannten Befunden ziehen die Autoren der NICHD-Studie drei wesentliche Schlüsse und empfehlen:

  1. Die Zeit, die 0- bis 3-Jährige in ganztags Krippenbetreuung verbringen, sollte möglichst kurz sein.
  2. Die Qualität von Tagesbetreuung, insbesondere von Krippen, sollte hohen Standards genügen. Aber auch bei hohen Qualitätsstandards bleiben Risiken für die langfristige körperliche und psychische Gesundheit, speziell bei den unter 3-jährigen Kindern bestehen. Anmerkung: In Deutschland sind nur geringe bis mittlere Qualitätsstandards anzutreffen; nur bei 2 Prozent der Einrichtungen wurde die notwendige hohe Qualität festgestellt.
  3. Elterliche Erziehung sollte durch finanziell unterstützte Erziehungszeiten während der ersten 5 Lebensjahre eines Kindes gefördert werden.

Die jüngst beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung (KitaPlus) missachten diese Empfehlungen wieder einmal in alarmierender Weise und nehmen renditeorientierte Aspekte, die auf kurzfristige kognitive Leistungsfähigkeit der Kinder und eine allzeit verfügbare Elternschaft ausgerichtet sind, wichtiger als das Wohl der Kinder und deren Familien.

Empfehlungen

Diese evidenzbasierten Empfehlungen wurden erarbeitet von einem Expertenteam um den Kinderarzt Dr. Rainer Böhm auf der Grundlage der großen entwicklungspsychologischen Studien, pädiatrischer Studien und der neuesten Studien zu Psychobiologie, Neuro­endokrinologie und Epigenetik.

  1. Gruppentagesbetreuung für unter Dreijährige muss hohe Qualitätsanforderungen erfüllen. Für Standards wird auf das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin verwiesen.
  2. Folgende Alters- und Mengenbegrenzungen werden empfohlen:
    – Keine Gruppentagesbetreuung bei unter Zweijährigen.
    – Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag maximal halbtägige Gruppentagesbetreuung (bis 20 Std./Woche).
    – Ab drei Jahren bis zu ganztägige Gruppentagesbetreuung möglich, je nach individueller Disposition.
  3. Elterliche Betreuung sollte insbesondere in den ersten drei Lebensjahren gezielt unterstützt und gefördert werden.

Merkmale qualitativ guter Einrichtungen und ErzieherInnen

Im Folgenden sind Qualitätskriterien genannt, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Das zentrale Kriterium für gelungene Betreuung lässt sich darüber hinaus nur schwer messen: Es geht darum in jedem Moment einen achtsam Umgang zu pflegen und sich die Zeit zu nehmen mit dem Kind in einen echten Dialog zu einzutreten, so dass menschliche Wärme als das zentrale Erziehungsinstrument spürbar werden kann.

Grundsätzlich profitieren Kinder am meisten von einer bindungsbasierten Betreuung, die Symbiose und Autonomie altersgerecht und situationsgemäß fördert. So wird beim Kind das Bedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit und das Bedürfnis nach Freiheit und eigenem Willen gleichermaßen erkannt und gestillt.

Aus Sicht der Bindungsforschung entsteht daraus eine sichere emotionale Bindung eines Kindes an seine Bezugspersonen, was als ein bedeutender Schutzfaktor im Leben eines Menschen gesehen wird. Kinder mit einer sicheren Bindung haben mehr Fähigkeit zu Empathie, haben eine bessere Sprachentwicklung, sind stressresistenter, sind kreativer und finden in schwierigen Lebenssituationen schneller und besser Lösungsmöglichkeiten. Es lohnt sich also auf Qualität zu achten.

Qualitätsmerkmale der Krippe

  • Aufnahmemodus bei der alle neuen Kinder unter 2 Jahren zu unterschiedlichen Zeitabschnitten mit ausreichend Abstand zueinander aufgenommen werden;
  • Heterogene Alterszusammensetzung mit Krippenkindern unterschiedlichen Alters;
  • Kleine Gruppen mit wenig Wechsel;
  • Achten mehr auf sozioemotionale Entwicklung, als auf kognitive Förderung;
  • Wenig Spielzeug;
  • Natürliche Umgebung mit viel Naturmaterialien;
  • Keine Medien;
  • Arbeitet nach bindungsorientierten Grundsätzen;
  • Mindestanforderung an eine Krippenbetreuung ist eine pädagogische Kraft für drei Kinder unter zwei Jahren;
  • Klar strukturierter und rhythmisierter Tagesablauf, der sich an jahreszeitlichen und festlichen Besonderheiten orientiert;
  • Geringe Personalfluktuation;
  • Die MitarbeiterInnen haben untereinander genügend Zeit für Austausch über die Kinder und andere kollegiale Kommunikation.

Qualitätsmerkmale der ErzieherInnen

  • Sorgen für einen geschützte Umgebung und geben Raum für Entfaltung;
  • Schaffen eine gute Balance zwischen von ihnen angeleitete und vom Kind initiierte Interaktionen;
  • Werden die Kinder weder über- noch unterstimulieren;
  • Sind Vorbilder hinsichtlich Sprache, Werte und Verhaltensweisen;
  • Im Umgang mit den Kleinkindern benennen und verbalisieren Sie klar was sie tun;
  • Im Umgang mit den größeren Kindern loben und ermutigen sie und stellen Fragen;
  • Fördern das Rollenspiel;
  • Unterstützen Kinder in ihren Konflikten;
  • Sind innerlich wach und äußerlich ruhig;
  • Sind im fortlaufenden Austausch mit den Eltern über Beobachtung und Einschätzung der Kinder;
  • Bilden eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft mit den Eltern;
  • Bilden sich fort und haben ein ausreichendes Wissen über kindliche Entwicklung und Bindungstheorie;
  • Holen sich rechtzeitig Hilfe im Team, wenn sie an eigene Grenzen stoßen;
  • Haben ihre eigene Bindungsgeschichte reflektiert und problematische Bindungserfahrung therapeutisch aufgearbeitet;
  • Bemühen sich um externe Hilfe, wenn eigene Themen den unbeschwerten Umgang mit einzelnen Kindern blockieren.

Eingewöhnung

Die Eingewöhnung in die Kinderkrippe ist eine sehr sensible Übergangsphase, in der das Bindungssystem von drei Personen aktiviert wird: von Mutter, Kind und ErzieherIn. Je nachdem, wie emotional sicher oder unsicher die Beziehungserfahrungen alle drei in der Vorgeschichte waren, wird sich dieser Übergang als leicht, schwierig oder traumatisierend gestalten.

Die Eingewöhnung sollte über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen elternbegleitet, bezugspersonenorientiert und abschiedsbewusst erfolgen.

  • Elternbegleitet
    Das Kind kann die neue Umgebung und seine Bezugserzieherin in Begleitung der bis dahin wichtigsten Bindungsperson, in der Regel Mutter oder Vater, kennenlernen. Ein klarer Protest des Kindes ist ein gutes Zeichen für eine bis dahin gelungene Bindungserfahrung mit den Eltern. Die begleitende Mutter oder Vater halten sich in der Interaktion mit dem Kind zunehmend zurück, lassen Raum für neue Erkundung und sind sicherer Hafen, wenn das Kind Schutz bei ihnen sucht.
  • Bezugspersonenorientiert
    Die Bezugserzieherin hat die Möglichkeit sich in der Eingewöhnungszeit ganz auf das neue Kind einzulassen und sie wird versuchen behutsam eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Ein deutliches Zeichen von gelingender Eingewöhnung ist es, wenn das Kind aktiv bei seiner Erzieherin Trost sucht und findet.
  • Abschiedsbewusst
    Es gibt nach länger werdenden Zeitspannen einen klaren Abschied von der Mutter auf den ein wachsendes Vertrauen des Kindes auf die baldige Rückkehr der Mutter folgen wird.

Die Eingewöhnung findet nur bei vollständiger Gesundheit des Kindes statt und muss gegebenenfalls (zum Teil) wiederholt werden, wenn äußere Faktoren, wie Krankheit des Kindes, der Bezugserzieherin oder der Eltern zu einer Unterbrechung der neuen Bindungsbeziehung geführt haben.

Phasen der Eingewöhnung

Mit Anwesenheit der Hauptbindungsperson (zum Beispiel die Mutter)

  1. Kind ist auf dem Schoß der Mutter und beobachtet
  2. Kind spielt in der Nähe der Mutter oder mit der Mutter zusammen
  3. Kind spielt mit Erzieherin und der Mutter
  4. Kind spielt mit Erzieherin und anderen Kindern und Mutter ist in der Nähe
  5. Kind lässt Körperkontakt mit der ErzieherIn zu
  6. Kind lässt sich von Erzieherin füttern
  7. Kind lässt sich von Erzieherin wickeln
  8. Kind lässt sich von Erzieherin hinlegen
  9. Kind lässt sich von Erzieherin nach dem Schlaf aufnehmen
  10. Kind lässt sich von Erzieherin trösten bei Angst und Stress

Bei Abwesenheit der Hauptbindungsperson mit zunehmender zeitlicher Steigerung

  1. Abwesenheit nach klarem Abschied für wenige Minuten; Mutter wartet vor der Tür / geht in der nahen Umgebung spazieren mit Handy-Erreichbarkeit;
  2. Trennung für 5 – 10 – 15 – 20 – 30 Minuten – 1 Stunde mit langsamer Steigerung; Steigerung erst, wenn Trennung toleriert wird;
  3. Wenn zeitliche Steigerung zuviel Stress oder Angst auslöst, muss eine Phase zurückgegangen und die Zeit verkürzt werden; panisches Weinen unbedingt vermeiden, weil es die Bindungssicherheit an die Erzieherin erschwert.

Fazit

Die ersten drei Lebensjahre sind die prägendste Zeit in der menschlichen Biographie. Vermutlich wird sich kein Mensch so einfühlend und fürsorglich um ein Kind kümmern, wie die eigene Mutter und der eigene Vater, wenn geistige und körperliche Gesundheit vorhanden sind.

Es sollte eine freie und wohl durchdachte Entscheidung der Eltern sein, wann für sie die richtige Zeit ist die Verantwortung für das geistige, seelische und körperliche Wohlergehen ihrer Kinder an Dritte zu übergeben. Hier werden Prioritäten gesetzt, die in ihrer Auswirkung eine jeweils starke individuelle und gesellschaftliche Wirkkraft haben. Manchmal wird man sich dabei auch eingestehen müssen, dass nicht alles auf einmal zu schaffen ist, auch wenn uns unsere moderne Welt eben dies immerzu vormachen möchte.

Im Zweifelsfall sollten Eltern die Möglichkeit in Anspruch nehmen sich fachlich korrekt, ohne Dogma und mit Einfühlungsvermögen für ihre ganz persönliche und individuelle Situation beraten zu lassen, ob und wann ihre Kinder eine Krippe besuchen werden. Es gibt für jede Situation und für alle Beteiligten eine gute Lösung.

Entscheidend dabei ist sich zu vergegenwärtigen, um was es Eltern und ErzieherInnen eigentlich gehen sollte: „Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen.“ (Rudolf Steiner)

Mehr zum Thema Krippenrisiko vom Bindungsforscher Dr. K.-H. Brisch.

M. Breitenberger
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