Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Bedürfnisse und Sucht

„Die Deutschen sind ein Volk von Süchtigen“ (Jahrbuch Sucht 2014)

Das menschliche Potential entwickelt sich entsprechend einer Hierarchie von Bedürfnissen, die in Abraham Maslows Bedürfnispyramide beschrieben werden. Das bedeutet, dass Menschen umso größere Chancen haben, das im Leben zu verwirklichen, was eigentlich in ihnen steckt, desto vielfältiger ihre Bedürfnisse in der frühen Kindheit erkannt und angemessen gestillt werden konnten.

An wichtigster Stelle stehen nach A. Maslow die basalen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schutz und Bindung, deren Befriedigung unser Überleben sichert. Ist das gewährleistet, kommt es darauf an, dass unser unbedingtes Dasein durch wohlwollende Beachtung bestätigt wird. Dabei gibt es soziale Bedürfnisse, nach deren Befriedigung Menschen streben, wie Zugehörigkeit, Geborgenheit und Anerkennung.

In diesem Kontext entstehen auch die Bedürfnisse nach Selbstbehauptung, Territorium, Rang, Status und Fortpflanzung. Bis hierhin teilen Menschen die gleichen Bedürfnisse wie die Säugetiere. Für die Befriedigung der darauf folgenden sogenannten Meta-Bedürfnisse – die spezifisch menschlichen Eigenschaften, die im Jugend- und Erwachsenenalter in den Vordergrund treten – ist es jedoch von großer Bedeutung, dass solche basalen Bedürfnisse differenziert wahrgenommen und befriedigt wurden.

Wer sich also zu einem wirklich menschlichen Wesen entwickeln möchte, das heißt menschlichen Geist und Herzensbildung entwickeln möchte, tut gut daran, sich erst um die einfachen Dinge im Leben zu kümmern. Ein spiritueller Mensch ist zuallererst ein Mensch, der gut essen, schlafen und beischlafen gelernt hat. Erst dann ist er reif für das Streben nach Sinnhaftigkeit, Kreativität und Selbsterkenntnis.

Bedürfnis-Pyramide nach A. Maslow

Grundbedürfnisse

Gerade durch die bewusste Selbsterfahrung wird es möglich, eine Dimension des individuellen Daseins zu erleben, die aus der egozentrischen Isolation hinausweist und aufzeigt, dass es etwas Größeres gibt als das eigene Selbst. Diese transzendentale Erfahrung, die A. Maslow „peak experiences“ nannte, also Grenzerfahrungen, steht an der Spitze der Bedürfnispyramide.

In den Berichten derer, die solches erlebt haben, sind das gerade nicht intensive oder beeindruckende Momente, sondern ruhige Augenblicke einer tief durchlebten Erfahrung, in der diese Menschen sich auflösen in einer Tätigkeit, einer Betrachtung, einer Person oder einem Gefühl und sich selbst gerade durch diesen Auflösungsprozess besonders nahe kommen. Ein Selbstbild wird in diesem kostbaren Moment durch eine Selbsterfahrung ersetzt.

Ein Freund berichtete mir neulich von seinem Erlebnis, auf den Fluss zu schauen und dabei seinen Namen zu vergessen und durchströmt zu werden von einem innigen Gefühl des Angekommen- und Angenommenseins. Manche Menschen erleben das als eine göttliche Bewusstseinserfahrung, jedoch sind das sinnliche Erfahrungen, die sich der wörtlichen Beschreibung entziehen, die unserer westlichen dualen Tradition entstammen, die menschlich und göttlich voneinander trennt.

So wie L. Wittgenstein sagt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, oder wie der Philosoph Robert Lax es ausdrückt: „Sounds come and go but silence remains“

Ersatzbefriedigung

Es ist nicht leicht in einer Welt, in der „cool“ sein angesagt ist, sich bedürftig zu zeigen. Aber bedürftig kommen wir Menschen auf die Welt und bedürftig verlassen wir sie. Und dazwischen lebt es sich umso genussvoller, je mehr man um seine Bedürftigkeit weiß.

Die meisten von uns haben aber leider schon als Kinder gelernt, den emotionalen Ausdruck zu unterdrücken, um so zu tun, als würde ihnen all die emotionale Vernachlässigung, die sorgenvolle Enge, die materielle Überforderung und das damit ausgedrückte Desinteresse nichts ausmachen. Schon bald haben sie das Bedürfnis hinter der zurückgehaltenen Emotion nicht mehr gespürt und in der Folge sogar den Bedürfnisimpuls mit Muskelkraft unterdrückt.

Verhungert im Schlaraffenland

Die größte Schwierigkeit, die wesentlichen Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen, besteht heute in unserer westlichen Welt wohl darin, unterscheiden und verzichten zu lernen. In einem konsumkapitalistischen Schlaraffenland, in dem das menschliche Glück durch Bedürfnisbefriedigung wie eine Droge verordnet wird, mangelt es nicht an Angeboten, die Wohlbefinden versprechen.

Die große Gefahr besteht darin, die Bedürfnis-Befriedigungs-Surrogate von den notwendigen Bedürfnissen und den Möglichkeiten, diese wirklich zu stillen, zu trennen. Der sehnlichste Wunsch eines jeden Menschen nach bedingungsloser Beachtung – danach, erkannt und wertgeschätzt zu werden, als der, der man ist und nicht für seine Tüchtigkeit, Schönheit oder Klugheit, wird aber nicht erfüllt durch Anerkennung oder Bestätigung, z.B. weil man im Beruf – je nach Sprosse auf der Karriereleiter, auch Hamsterrad genannt – zu viel Durchsetzungsvermögen oder Unterwürfigkeit zeigt.

Bedingungslose Beachtung erfährt man vielmehr für das bloße Dasein und bedingungslose Anerkennung und Bestätigung bekommt man für das Produkt seines Daseins. Auch wird das Grundbedürfnis eines jeden Menschenwesens nach Bindung und Geborgenheit nicht gestillt durch Sex.

Und die Ruhe, die manch einer sucht nach anstrengender Tätigkeit, stellt sich nicht ein durch die Rauchpause, den Konsum von Medien oder den „Downer“ aus der Minibar im Hotelzimmer. Und auch die tiefe Verbindung, die jeder Mensch zu sich, seinen Mitmenschen und der Natur erhofft – diese „Meta-Needs“, wie A. Maslow sie nannte, nach Selbsterkenntnis, Selbstwertgefühl und Transzendenz – auch die werden nicht befriedigt, wenn man im Sport bis an und über die Grenze geht, um sich mal wieder richtig zu spüren. Der Kick und die Intensität sind horizontale Qualitäten, die einen nicht in der Tiefe berühren, wie das Erleben von Verbundenheit und Selbstvergessenheit.

Sucht

Was die Bedürfnisbefriedigung mit Ersatzstoffen, wie Anerkennung, Sex, Tabak, Alkohol und übertriebenem oder zwanghaftem Sport gemeinsam hat, ist die Gefahr, davon abhängig und süchtig zu werden. Die Dosis wird gesteigert, das Surrogat muss allzeit verfügbar sein und die Beschäftigung damit bringt Probleme im sozialen Kontext mit sich.

Immer online und immer allein

„Die Deutschen sind ein Volk von Süchtigen“ (Anm.: …und nicht nur die Deutschen), zu diesem Schluss kommt das „Jahrbuch Sucht 2014“. Im Vordergrund stehen da vor allem Arbeitssucht, Medien- und Computersucht, Konsumsucht, Esssucht, Alkoholsucht und Sexsucht. So machen zum Beispiel Seiten mit pornographischen Inhalten weltweit 30 Prozent des gesamten Übertragungsvolumens im Internet aus und viele Menschen sind auf der Suche nach Nähe immer online und immer allein.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien von Sexualwissenschaftlern eine zunehmende sexuelle Lustlosigkeit in den Schlafzimmern. Die Menschen scheinen zu übererregt, um wirklich Befriedigung und inneren Frieden zu bekommen. Es ist es dringend notwendig, dass man wieder unterscheiden lernt, zwischen dem, was man wirklich braucht für ein zufriedenes Leben und den Dingen, die von konsumorientierter Propaganda gesteuert, als Betäubungsmittel für die postmoderne Gesellschaft dienen.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, empfehle ich als Heilpraktiker in München auf den Qualitätsunterschied zu achten, zwischen dem Bedürfnis, das ruhig aus der Mitte auftaucht und dem gierigen Wollen, das von allen Seiten bedrängt. Als Hilfestellung zur Unterscheidung gebe ich Ihnen zwei Merksätze mit auf den weg: „Die besten Dinge im Leben sind keine Dinge“ (A. Einstein) und „Das Optimum ist etwas weniger“ (B. Hellinger).

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