Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Burnout

Der moderne Mensch eilt von Gipfel zu Gipfel, ohne wirklich auf der Höhe zu sein getreu dem Motto: Wer schneller lebt, ist früher fertig! So wurde der Mensch zur Krone der Erschöpfung.

Laut einer Studie im Auftrag der Techniker-Krankenkasse empfinden acht von zehn Deutschen ihr Leben als stressig, jeder Dritte steht unter Dauerdruck. Bereits jeder Fünfte leidet unter gesundheitlichen Stressfolgen. Stressfaktor Nummer eins ist der Job mit Hetze und Termindruck. Das schlägt sich auch in hohen Fehlzeiten nieder:  Rund 40.000 Arbeitskräfte fehlen pro Jahr an insgesamt fast zehn Millionen Arbeitstagen, weil sie sich ausgebrannt fühlen.

Besonders gefährdet sind Menschen in sozialen Berufen, Beschäftigte in Sandwich-Positionen zwischen zwei Hierarchieebenen, Schichtarbeiter und Berufspendler. Aber auch Kindererziehung und finanzielle Sorgen führen zu psychischen Belastungen: Noch gestresster als Berufstätige fühlen sich Hausfrauen und -männer. 95 Prozent von ihnen klagen über Stress, vier von zehn sind in andauernder körperlicher und psychischer Anspannung.

Die Gefahr bei Burnout-Syndrom besteht darin, dass Betroffene erst dann wahrnehmen, dass ihnen alles zu viel ist, wenn sie der Krise schon bedrohlich nahe sind. Im Folgenden skizziere ich, wie mir betroffene Patienten in der Praxis ihr Erleben und ihre Erfahrung mit pausenlosem Stress schildern.

Entflammen

Eigentlich hat alles so schön begonnen. Da war die Freude über den Familienzuwachs, das neu gebaute Eigenheim, der Wiedereinstieg in den Beruf nach der Babypause, die neue Arbeitsstelle mit mehr Verantwortung, die lang ersehnte berufliche Selbststständigkeit…

Schlüsselworte:

  • Enthusiasmus, Idealismus
  • Arbeitsstellenwechsel, Beförderung, Selbstständigkeit

Brennen

Mit vollem Engagement gaben sich die Betroffenen der neuen Herausforderung nahezu pausenlos hin. Für eigene Bedürfnisse nach Erholung und Ruhephasen schien erstmal keine Zeit zu sein – das sollte dann später kommen. Die neue Aufgabe füllte den Tagesablauf komplett aus. Es gab viele gute Gründe für den ständigen inneren Antrieb, denn wenn man nicht alles selbst machte, schien die Arbeit liegen zu bleiben, und woher sollte denn sonst das Geld kommen für die vielen Verpflichtungen.

Natürlich war es dabei auch mal nötig, am Wochenende ins Büro zu gehen oder sich Arbeit am Abend mit nach Hause zu nehmen. So konnte man Zeit sparen, die dann übrig war, um noch mehr zu arbeiten. Eine große Gewissenhaftigkeit, ja Perfektionismus und der Wunsch, es allen recht und alles richtig zu machen, erzeugten großen Druck.

Ein kompromissloser Einsatz, der die eigene Leistungsfähigkeit auf die Probe stellte, erschien als der Weg zum hoch gesteckten Ziel. Es war ein Leben auf Standby, jederzeit einsatzbereit und erreichbar rund um die Uhr – eben „der ganz normale Wahnsinn“. Die Grenzenlosigkeit steht dabei für die subtilste Form der Beschränktheit.

Schlüsselworte:

  • Fehlende Kompromissbereitschaft
  • Perfektionismus
  • Überidentifizierung
  • Gefühl von Unentbehrlichkeit
  • Selbstüberschätzung
  • Vermeidung von Bedürftigkeit, Nichtbeachtung eigener Bedürfnisse
  • Verzicht auf Erholungs- und Entspannungsphasen
  • Unfähigkeit, Grenzen zu setzen
  • Helfersyndrom (Versagenserlebnisse und mangelnde Zuwendung in der Kindheit werden durch übertriebenen Einsatz für andere zu kompensieren versucht)

Ausbrennen

Was früher noch Freude machte, wurde schleichend zu einer zusätzlichen Belastung. Das Spiel mit den Kindern war mit einem Mal nervende Pflichtaufgabe. Sie schienen sich dem notwendigerweise streng geregelten Ablauf nicht unterwerfen zu wollen. Alles, was sich der eigenen Kontrolle entzog, erschien nun störend. Der Sport in der Freizeit wurde immer leistungsorientierter, oder es war keine Zeit mehr dafür.

Auch die gemeinsame Zeit mit dem Partner wurde weniger. Den ganzen Tag reden und zuhören, da war man am Abend froh um etwas Ruhe. Die Muße und Ruhe für Austausch hatte ebenso keinen Platz mehr im Alltag wie die Offenheit für die Bedürfnisse und Sorgen des anderen – und abends wollte man sich nicht auch noch um die Belange eines anderen kümmern müssen. Das führte immer häufiger zu Streitereien und Konflikten. Als Selbstschutz zog man sich innerlich zurück und machte dicht.

Das Gefühl, völlig allein zu sein, und Misstrauen gegenüber der Umwelt beherrschten allmählich das Bewusstsein. Das Vertrauen in die Welt ging verloren – dass sie sich auch dann noch weiterdrehen würde, wenn das eigene Hamsterrad zum Stillstand gekommen wäre. So wurden, schlimmer noch als die tägliche hektische Routine, zunehmend die kurzen Momente zum Problem, in denen es eigentlich nichts zu tun gab.

Körperliche Ausgelaugtheit und geistige Leere schienen keinen Platz mehr zu lassen für kreatives Schaffen. Durch ein Glas Wein mehr am Abend, Zigaretten, Internet- und Computeraktivitäten oder Fernsehen bis zum Einschlafen wurden Müdigkeit und Desinteresse weniger schmerzlich erfahren. Das half tatsächlich manchmal, um abends „runterzukommen“, aber das morgendliche „Hochkommen“ war dann noch schwieriger.

Gegessen wurde unkontrolliert viel, oder es wurde völlig vergessen. Die Erotik ging verloren oder pervertierte zu einer vereinnahmenden Obsession. Schuldgefühle schlichen sich ein und entwickelten sich zu Selbstvorwürfen oder aggressiven Anklagen gegenüber anderen. Das Gefühl, ausgenutzt, nicht gesehen, nicht unterstützt und nicht angemessen anerkannt zu werden, bildete eine Mauer zu anderen. Die Haltung gegenüber der Arbeit, den Kollegen und der Familie wurde zynisch und ablehnend.

Dann traten die ersten Symptome auf, die später, nach vielen Arztbesuchen, irgendwann als „psychosomatisch“ diagnostiziert wurden. Körperliche Verspannungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Reizdarm, Schlafstörungen, Herzrasen, Konzentrationsstörungen, Hörsturz, Tinnitus, Schwindel, Ängste und Panikattacken. Dadurch wurden soziale Kontakte und unbeschwerter Austausch noch mehr eingeschränkt.

Das tägliche „Funktionieren“ war nun nicht mehr nur sinnentleerte Qual, sondern teilweise unmöglich. Der Glaube an die eigene Stärke geriet ins Wanken, und der Zusammenbruch der Illusion, die eigenen Lebensziele auf diesem Weg erreichen zu können, führte zu Enttäuschung, Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Schlüsselworte:

  • Leistungs- und Antriebsschwäche
  • Körperliche und emotionale Erschöpfung
  • Zwanghaftigkeit, Kontrollwahn
  • Schuldgefühle, Schuldzuweisungen
  • Depression, Aggression
  • Misstrauische, zynische, ablehnende Grundhaltung gegenüber der Umwelt
  • Isolation, Vermeidung sozialer Kontakte
  • Suchttendenz (Arbeit, Nikotin, Medikamente, Alkohol, Sex)
  • Sinnlosigkeit, Frustration
  • Ängste, Panikattacken
  • Verspannungen, Rückenschmerzen, Reizdarm, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen
  • Schlafstörungen, Herzrasen, Hörsturz, Tinnitus, Schwindel

Phönix aus der Asche

Phönix ist ein mythischer Vogel, der verbrennt und aus seiner Asche verjüngt wieder aufersteht. Asche ist in vielen Kulturen ein Symbol für Reinigung, Buße und Verwandlung. In diesem Sinne kann auch eine Krise, die heftig lodert und das bisherige Tun und Sein in Frage stellt, einen notwendigen Neubeginn ankündigen. Wenn an diesem Punkt das eigene Scheitern schmerzlich (an)erkannt wird, bemerken viele Betroffene, dass sie Hilfe und Begleitung auf einem neuen Weg brauchen.

Medikamente wie Antidepressiva und Beruhigungsmittel, Stressbewältigungsprogramme und andere Empfehlungen, die eine Wiedereingliederung und ein Funktionieren im Alltag zum Zweck haben, können eine erste Stabilisierung der körperlichen und geistigen Verfassung bewirken. Es besteht aber die Gefahr, dass die notwendige innere Wandlung nicht vollzogen wird und der betroffene Mensch nur wieder „der Alte“ wird – eben der, der irgendwann am eigenen Lebenswandel ernsthaft erkrankt ist.

Behandlung

Die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen heißt, die eigene Urheberschaft (nicht Schuld) anzuerkennen für das, was gestern war, heute ist und morgen sein wird. Das ist eine wichtige Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Zunächst schärfe ich das Bewusstsein der Betroffenen für die Tatsache, dass sich nur etwas verändern kann, wenn sie wirklich bereit sind für Veränderung. An diesem krisenhaften Punkt im Leben, wo es scheinbar nichts mehr zu verlieren gibt, besteht die persönliche Herausforderung und Chance darin, risikofreudig zu werden und Neues auszuprobieren – ein Leben zu wagen, das sich mehr an den eigenen Bedürfnissen als an den Erwartungen der anderen orientiert.

Ein integrativer Therapieansatz aus Homöopathie und Psychotherapie in Einzel- und Gruppensitzungen hat sich dabei als sehr hilfreich erwiesen. Eine Paarberatung oder Paartherapie kann unterstützend und konfliktlösend wirken, weil meist nicht nur eine einzelne Person, sondern das ganze System instabil und fragil geworden ist. Am Anfang steht die Behandlung der sogenannten somatoformen Beschwerden im Vordergrund.

Symptome wie Hörsturz, Tinnitus, Schlafbeschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen u. a. beeinträchtigen das Leben sehr. Die klassisch-homöopathische Therapie hat sich bei diesen Beschwerden bewährt. Sie geht von einem psychosomatischen Konzept der Krankheitsentstehung aus und nimmt heilend Einfluss auf die körperlichen Symptome, die geistig-seelische Ursachen haben.

Zugleich ist es wichtig, die rastlosen Aktivitäten auf ein gesünderes Maß zu reduzieren, um dem gesamten Organismus Ruhe zu gönnen. Der Teufelskreis, sich beinahe zu Tode zu arbeiten, um sich seine Lebensberechtigung zu verdienen, muss unterbrochen werden. Man kann sich das Leben nicht durch Leistung verdienen, sondern nur als Geschenk dankbar annehmen.

Ein psychisches Grundmuster bei Menschen mit Burnout-Syndrom ist jedoch die Eigenschaft, immer mehr zu geben als zu nehmen. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung, es nicht anders gelernt zu haben, wird dabei deutlich durch „Aussagen wie “man kann doch nicht“ / „man muss doch“ / „man sollte aber“. Die erste Person „Ich“, das Hilfsverb „wollen“ und damit die Aussage „ich will…“ haben Betroffene völlig verdrängt. Dieses Verhalten drückt sich immer auch in „eingefleischten“ Haltungsmustern aus. Über die physische Arbeit an diesem „Charakterpanzer“ (Wilhelm Reich) durch Bioenergetik kann man auch das psychische (Fehl-)Verhalten beeinflussen.

Dem Wollen geht ein Spüren voraus. Nur wenn ich spüre, was mit mir gerade los ist, kann ich daraus ein angemessenes Wollen ableiten und eine stimmige Handlung anschließen. Das Spüren wurde jedoch unterdrückt durch „Hintern zusammenkneifen“, „Zähne zusammenbeißen“, „Kopf hochhalten“ und betäubt durch Nikotin, Alkohol oder Medikamente. Was sonst im Alltag spürbar bewusst geworden wäre, wäre auf Dauer unerträglich gewesen.

Spür-Übungen beziehen sich zunächst auf das bewusste Erleben der Rhythmik einfacher Grundfunktionen des Lebens. Da gibt es ein ganz selbstständiges Ein- und Ausatmen – und dann eine Pause. Für das Wichtigste im Leben, wie zum Beispiel die Atmung, müssen wir nichts tun, es kommt und geht von selbst. Allein die Selbstverständlichkeit der eigenen Atmung wahrzunehmen kann viele, bisher mit Muskelenergie gehaltene Emotionen auslösen.

Das ist eine wichtige Erfahrung für Menschen, die gelernt haben, alles für sich zu behalten und zu kontrollieren. Diese emotionale Katharsis ist aber nur hilfreich, wenn es ein vertrauensvolles Gegenüber gibt. Es braucht jemanden – anfangs vielleicht den Therapeuten –, bei dem die Erfahrung und das Vertrauen nachreifen kann, dass man selbst völlig in Ordnung ist, auch wenn man das zeigt, wofür man vielleicht früher bestraft, ausgelacht oder ignoriert wurde.

Eine weitere Aufgabe besteht darin, die eigene Genussfähigkeit wiederzuentdecken und die persönliche Leistungsfähigkeit besser einschätzen zu lernen. Dadurch wird die in uns allen ‘inbildhaft‘ angelegte Lust geweckt auf einen eigenartigen Lebensstil und Ausdruck – nicht auf ein Leben, wie es Mama, Papa und den Nachbarn gefällt. Dafür brauchen wir Vorbilder, die zu einem neuen, gereiften Selbstbild führen. Unmissverständich „Ja“ und „Nein“ sagen zu lernen ist auf Dauer gesünder, als es allen recht zu machen.

Im Bewusstsein der Atmung als innerem Taktgeber kann man sich dann anderen Rhythmen menschlichen Lebens zuwenden. Ziel ist, einen gesunden Ausgleich zwischen den folgenden Polaritäten im täglichen Leben zu üben: Einatmen – Ausatmen, Essen – Verdauen, Wachen – Schlafen, Stille – Aktivität, Spiel – Arbeit. Wenn diese Grundbedürfnisse erfüllt sind, geht es vor allem um die Entwicklung unseres spezifisch menschlichen Potenzials.

Das besteht in einer Balance zwischen Alleinsein und Gemeinschaft, Hingabe und Selbstbehauptung, Gelassenheit und Entschlusskraft, Geben und Nehmen. Und schließlich in der Entwicklung von Kreativität, Präsenz und der eigenen Selbstverwirklichung im lustvollen Dienst an der Gemeinschaft. Um dieses höchste Ziel menschlichen Lebens zu erreichen, nämlich sich selbst zu entfalten – autonom und gleichzeitig in verbindlicher Beziehung mit anderen Menschen – scheinen Grenzerfahrungen notwendig zu sein.

Schlüsselworte:

  • Integrativer Therapieansatz: klassische Homöopathie, Psychotherapie und Paartherapie
  • Verantwortung übernehmen
  • Selbstbestimmung
  • Ruhe
  • Rhythmik und Ausgleich:
    Einatmen – Ausatmen / Essen – Verdauen / Wachen – Schlafen / Stille – Aktivität / Spiel – Arbeit;
    Alleinsein – Gemeinschaft / Hingabe – Selbstbehauptung / Gelassenheit – Entschlusskraft / Geben – Nehmen
  • Spüren, Wollen
  • Individueller Lebensstil, eigener Ausdruck
  • Genussfähigkeit, Leistungsfähigkeit