Warum fällt es manchen Menschen leicht, Nähe zuzulassen, und anderen so schwer? Die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth erklärt, wie frühe Beziehungserfahrungen unser Beziehungsverhalten prägen. Hier lesen Sie, welche vier Bindungstypen es gibt, wie sie erkannt werden, was sie für das Erwachsenenleben bedeuten und worin sich eine Bindungsstörung davon unterscheidet.
Kurz zusammengefasst
- Die Bindungstheorie (Theorie der frühen Eltern-Kind-Beziehung) beschreibt ein angeborenes Bedürfnis von Kindern, bei vertrauten Bezugspersonen Schutz und Nähe zu suchen.
- Es werden vier Bindungstypen unterschieden: sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert; in Familien ohne besondere Belastung sind rund zwei Drittel der Kinder sicher gebunden.
- Der Bindungstyp wird bei Kleinkindern mit dem Beobachtungsverfahren „Fremde Situation“ bestimmt.
- Unsichere Bindung ist keine Krankheit; eine Bindungsstörung ist eine seltene kinderpsychiatrische Diagnose, die meist nach schwerer Vernachlässigung entsteht.
- Bindungsmuster sind nicht festgelegt und können sich durch neue Beziehungserfahrungen, auch in einer Psychotherapie, verändern.
Was ist die Bindungstheorie?
Die Bindungstheorie (Theorie der frühen Eltern-Kind-Beziehung) geht davon aus, dass Kinder ein angeborenes Bedürfnis haben, bei vertrauten Bezugspersonen Schutz und Nähe zu suchen. Wie verlässlich und feinfühlig diese reagieren, prägt das Bindungsmuster eines Menschen.

Entwickelt wurde die Bindungstheorie ab den 1950er-Jahren von dem britischen Kinderpsychiater John Bowlby; die Psychologin Mary Ainsworth hat sie mit Beobachtungsstudien empirisch untermauert. Heute ist sie eine etablierte Theorie der Psychologie, die verhaltensbiologisches, entwicklungspsychologisches, systemisches und psychoanalytisches Denken verbindet.
Menschliche Entwicklung ist damit grob gesagt nicht mehr nur das Ergebnis von Triebunterdrückung (Psychoanalyse) oder Konditionierung (Behaviorismus), sondern das Ergebnis von Beziehung, die ausreichend Raum für Symbiose und Autonomie schafft.
Bindungstheorie: Der Mensch als soziales Wesen
Entwicklungspsychologie wurde damit von einer “one body psychology” (Michael Balint) erweitert zur Disziplin, die die Erforschung von Menschen in sozialer Interaktion in den Fokus nimmt. Individuen und deren Muster in Haltung und Verhalten werden nur verständlich, wenn man sie in ihrem sozialen Rahmen betrachtet. Vor allem wird dabei die frühe Mutter-Kind-Beziehung und deren Auswirkung auf ein späteres Leben hin untersucht.
Bindungsverhalten ist genetisch angelegt
Es gibt ein genetisch vorgeprägtes Bindungsverhalten, das allen Primatenkindern und insbesondere den Menschenkindern zu eigen ist. Damit hat jedes Kind eine angeborene Prädisposition, sich an seine Bezugsperson zu binden. Neuere Forschung auf diesem Gebiet zeigt, dass der Bindungsaufbau auch mit mehreren Bezugspersonen gleichzeitig gelingt.
Bindungsphasen nach Bowlby: Wann entsteht die Bindung?
Die Bindung entsteht nach Bowlby in vier Phasen während der ersten Lebensjahre:
- Vorphase (bis ca. 6. Lebenswoche): Das Baby reagiert auf Menschen allgemein, noch nicht auf bestimmte Personen.
- Entstehende Bindung (ca. 6. Woche bis 6.–8. Monat): Das Baby unterscheidet vertraute von fremden Personen.
- Eindeutige Bindung (ca. 6.–8. Monat bis 2. Lebensjahr): Das Kind sucht gezielt die Nähe seiner Bindungspersonen und protestiert bei Trennung.
- Zielkorrigierte Partnerschaft (ab ca. 2.–3. Lebensjahr): Das Kind kann die Absichten der Bezugsperson zunehmend berücksichtigen. Dass das Baby in den ersten Wochen noch nicht deutlich zwischen Personen unterscheidet, heißt nicht, dass häufig wechselnde Betreuungspersonen in dieser Zeit gleichgültig wären.
Bindung und Gehirnentwicklung
Bindung und Gehirnentwicklung hängen eng zusammen: Das Gehirn entwickelt sich in den ersten Lebensjahren besonders schnell, und frühe Beziehungserfahrungen beeinflussen nach heutigem Verständnis, wie Stress und Gefühle später reguliert werden. Viele dieser Muster entstehen, bevor ein Kind sprechen und bewusst denken kann.
Alle wesentlichen Handlungen werden – schneller als wir denken können – von emotionalen Zentren des Gehirns, insbesondere des limbischen Systems geleitet.
Dem berühmten Satz von René Descartes „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) könnte man aus Sicht der Bindungsforschung entgegensetzen: “Ich fühle, also denke und lebe ich”, was zum Ausdruck bringt, wie stark unser Handeln von früher emotionaler Beziehungserfahrung unbewusst geleitet wird.
Sichere Bindung als Schutzfaktor für Kinder
Sicher gebundene Kinder zeigen in Studien im Durchschnitt mehr soziale Kompetenz im Umgang mit Gleichaltrigen (Groh et al. 2014) und finden in belastenden Situationen eher Unterstützung bei anderen.
Sie möchten eigene Beziehungsmuster besser verstehen? In einem Erstgespräch in meiner Praxis in München klären wir, ob eine bindungsbasierte Psychotherapie oder Gruppentherapie für Sie passt.
Was kann die Bindungsentwicklung stören?
Die Bindungsentwicklung kann durch belastende Erfahrungen gestört werden, etwa durch Vernachlässigung, Gewalt, psychische Erkrankungen der Eltern oder den Verlust einer Bindungsperson. Auch längere, für das Kind nicht verständliche Trennungen können belastend wirken, ohne dass es sich um ein offensichtliches Trauma handelt.
Wird der Bindungstyp an die Kinder weitergegeben?
Bindungsmuster werden häufig, aber nicht zwangsläufig von Eltern an ihre Kinder weitergegeben – vor allem über das eigene Verhalten im Umgang mit dem Kind, nicht über die Gene. Ob epigenetische Mechanismen dabei eine Rolle spielen, wird erforscht, ist beim Menschen aber nicht gesichert.
In einer Metaanalyse stimmte die Bindungshaltung der Eltern, erfasst im Erwachsenen-Bindungs-Interview, in rund 75 Prozent der Fälle mit der Einteilung des Kindes in „sicher“ oder „unsicher“ überein (van IJzendoorn 1995); einzelne Studien haben dies schon in der Schwangerschaft gemessen.
Eltern, die ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet haben, können ihren Kindern eine sichere Bindung ermöglichen, selbst wenn sie selbst keine hatten.
Markus Breitenberger, Heilpraktiker mit Schwerpunkt “Bindungsbasierte Traumatherapie”
Bindungsverhalten beim Baby: Zeichen und Sinn
Bindungsverhalten sind alle Signale, mit denen ein Baby die Nähe seiner Bezugsperson sucht oder erhält; ein Kind passt sein Verhalten so an, dass diese existenziell wichtigen Beziehungen erhalten bleiben.
Bindungsverhalten zeigt sich in Blickkontakt, Lächeln, Schreien, Festklammern und Zur-Mutter-Krabbeln und sichert in einer anfangs symbiotischen Beziehung (meist) mit der Mutter ausreichend Nähe, Geborgenheit und Sicherheit, die zum Überleben in der frühen Kindheitsphase nötig ist.
Erst wenn dieses Bedürfnis nach Sicherheit ausreichend befriedigt ist, erkundet das Kind seine Umgebung und wird zunehmend selbstständig. Die frühen Beziehungserfahrungen verdichten sich zu „inneren Arbeitsmodellen“ (englisch „inner working models“, Bowlby): unbewussten Erwartungen daran, wie andere auf die eigenen Bedürfnisse reagieren.
Wie viele Bindungspersonen hat ein Kind?
Ein Kind baut im ersten Lebensjahr meist zu wenigen, oft zwei bis vier vertrauten Personen eine Bindung auf. Das geschieht nicht automatisch mit leiblichen Verwandten oder mit denen, die am meisten Zeit mit dem Kind verbringen, sondern vor allem dort, wo die Bedürfnisse des Babys feinfühlig beantwortet werden.
Meist gibt es eine Hauptbindungsperson, die bei großem Stress aufgesucht wird und am besten beruhigen kann. Weitere Bindungspersonen können bei kleinerem Stress trösten.
Kann sich der Bindungstyp verändern?
Ja, der Bindungstyp kann sich verändern: Das Bindungsmuster, das sich in den ersten beiden Lebensjahren ausbildet, ist nicht festgelegt, sondern kann sich durch neue Erfahrungen in Freundschaften, Partnerschaften oder einer Psychotherapie ein Leben lang in verschiedene Richtungen entwickeln.
Die Forschung spricht von „erarbeiteter Sicherheit“ (earned security), wenn Erwachsene trotz schwieriger Kindheit eine sichere Bindungshaltung entwickeln (Roisman et al. 2002). Das Grundbedürfnis nach Bindung und Beachtung bleibt dabei ein Leben lang bestehen.
Die 4 Bindungstypen nach Bowlby und Ainsworth
Die Bindungsforschung unterscheidet vier Bindungstypen: sichere Bindung (Typ B), unsicher-vermeidende Bindung (Typ A), unsicher-ambivalente Bindung (Typ C) und desorganisierte Bindung (Typ D).
Die ersten drei Typen beschrieb Mary Ainsworth 1978, den desorganisierten Typ ergänzten Mary Main und Judith Solomon 1990. Kinder können zu verschiedenen Bezugspersonen unterschiedliche Bindungsqualitäten entwickeln, meist wird aber ein Muster vorherrschend. Die folgenden Häufigkeiten stammen aus Familien ohne besondere Belastung; in belasteten Familien sind unsichere und desorganisierte Bindungen häufiger.
Sichere Bindung (Typ B)
Sicher gebundene Kinder können Nähe und Distanz zu ihrer Bezugsperson angemessen regulieren; in internationalen Studien sind es rund 60–65 Prozent der Kinder (van IJzendoorn & Kroonenberg 1988).
Bei Trennung von der Bezugsperson zeigen sie deutliches Bindungsverhalten wie Weinen, Rufen und Klammern. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie mit Freude, suchen Körperkontakt und lassen sich trösten. Nach kurzer Zeit beruhigen sie sich und wenden sich wieder dem Spiel zu.

Die Bezugspersonen sind fähig zur Selbstreflexion mit einem hohen Maß an Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Respekt und Empathiefähigkeit. Diese Eigenschaften wurden entweder vermittelt durch Eltern mit ähnlichen Eigenschaften oder erworben durch Übung von gleichsam verbindlicher wie selbstständiger Beziehung zu sekundären Bindungspersonen, Beziehungspartnern und / oder psychotherapeutischer Unterstützung.
Unsicher-vermeidende Bindung (Typ A)
Unsicher-vermeidend gebundene Kinder wirken bei Trennung äußerlich ruhig und „cool“; international sind es rund 20 Prozent, in norddeutschen Stichproben deutlich mehr (Grossmann et al.; van IJzendoorn & Kroonenberg 1988).
Diese scheinbare Unabhängigkeit ist eine Strategie, mit Stress umzugehen, und wird leicht als „pflegeleicht“ oder früh selbstständig missverstanden. Messungen zeigen, dass diese Kinder innerlich durchaus gestresst sind: Ihr Herzschlag steigt bei Trennung ähnlich wie bei sicher gebundenen Kindern, und ihr Cortisolspiegel (Stresshormon) liegt danach höher (Spangler & Grossmann 1993).
Die Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung zeigen bei Trennung nur wenig Protest und kein deutliches Bindungsverhalten. Sie spielen in der Regel weiter, wenn die Mutter den Raum verlässt, wenn auch mit weniger Neugier und Ausdauer. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie mit Ablehnung, wenden sich aktiv ab und wollen nicht auf den Arm genommen und getröstet werden.
Die Bezugspersonen zeigen häufig eine distanzierte, bindungsabweisende Einstellung: Auf Anhänglichkeit und Kummer des Kindes reagieren sie eher zurückhaltend und können sein Bedürfnis nach Geborgenheit, Beruhigung und Trost nicht ausreichend beantworten. Im Erwachsenen-Bindungs-Interview erinnern sie sich oft kaum an eigene Kindheitserlebnisse und idealisieren ihre Eltern, obwohl sie wenig Unterstützung und wiederholte Zurückweisung schildern.
Unsicher-ambivalente Bindung (Typ C)
Unsicher-ambivalent gebundene Kinder, international rund 10–15 Prozent (van IJzendoorn & Kroonenberg 1988), zeigen nach einer Trennung sichtbar großen Stress und schwanken zwischen Anklammern und wütender Abwehr der Bezugsperson. Sie sind nur schwer zu beruhigen und finden auch nach längeren Beruhigungsversuchen kaum ins Spiel zurück.
Im weiteren Verlauf kann es zu einer Parentifizierung kommen, also einer Rollenumkehr, bei der das Kind für einen überforderten Elternteil sorgen muss und damit selbst überfordert ist. Neugier, Ablösung und Selbstständigkeit fallen dann schwerer und können von Schuldgefühlen und unterdrückter Wut begleitet sein.
Die Bezugspersonen, vor allem die Mutter, konnten häufig keinen Schutz und Beruhigung in Bedrohungs- und Stresssituationen bieten. Die Mitteilungen an das Kind sind meist von Doppelbotschaften geprägt, indem Mitgefühl und Trost mit Schelte, Druck und angstauslösendem Verhalten abwechselt. So wird nach angehender Beruhigung das Bindungsverhalten des Kindes mit Weinen und Schreien immer wieder reaktiviert.
Ebenso konnte hier häufig im Verhalten der Eltern ein unvorhersehbarer Wechsel von Überfürsorge und Zurückweisung und eine geringe oder wechselnde Qualität von Feinfühligkeit beobachtet werden. Die Eltern sind emotional nur teilweise verfügbar. Sie werden häufig von Erinnerungen an die eigene Kindheit dauerhaft belastet. Eigene negativ prägende Kindheitserlebnisse konnten nicht verarbeitet werden und die Gefühle wechseln zwischen Wut auf und Idealisierung der eigenen Eltern.
Ein Gefühl der Abhängigkeit und Ohnmacht der Kindeseltern bezüglich der eigenen Eltern steht im Vordergrund und die Illusion, dass diese allein durch Wiedergutmachung diese missliche Lage positiv beeinflussen könnten. Im Test-Interview fielen diese erwachsenen Bezugspersonen durch ausufernde Detailschilderungen auf, die geprägt waren von inhaltlichen Sprüngen und Widersprüchen.
Desorganisierte Bindung (Typ D)
Eine desorganisierte Bindung zeigen in Familien ohne besondere Belastung rund 15 Prozent der Kinder, in belasteten Familien zwei- bis dreimal so viele (van IJzendoorn et al. 1999). Sie ist keine Diagnose, gilt aber als Risikofaktor für spätere psychische Probleme. Auch Kinder der drei anderen Bindungstypen können kurzzeitig desorganisierte Verhaltensweisen zeigen.
Die Kinder zeigen deutlich desorganisiertes, nicht auf eine Bezugsperson bezogenes Verhalten wie stereotype Bewegungen, oder es kommt zu widersprüchlichem Verhalten wie gleichzeitigem Verlangen und Ablehnung von Nähe. Sie laufen dabei auf die Mutter zu und bleiben auf der Hälfte des Weges stehen. Oder ihre Bewegungen können mitten im Bewegungsablauf erstarren und scheinbar einfrieren.
Das Bindungssystem des Kindes ist aktiviert, äußert sich aber nicht in einer klaren Strategie. Manche dieser Verhaltensweisen können äußerlich einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ähneln, was bei der Abklärung berücksichtigt werden sollte.
Häufiger ist eine desorganisierte Bindung nach Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch: In einer frühen Studie wurden 82 Prozent der misshandelten Kleinkinder als desorganisiert eingestuft (Carlson et al. 1989). Auch sehr früh geborene Kinder sind häufiger betroffen, in einer Studie 32 gegenüber 17 Prozent bei Reifgeborenen (Wolke et al. 2014).
Häufig haben die Bezugspersonen selbst unverarbeitete Erfahrungen wie seelische oder körperliche Verletzungen oder frühe Verluste eigener Bindungspersonen. Das Kind erlebt sie dann zugleich als Quelle von Schutz und von Angst, und diese Alarmbereitschaft kann es nicht auflösen. Auch hier kann es zu einer Parentifizierung kommen, bei der das Kind zu viel Verantwortung in der Beziehung übernimmt.
Fremde Situation: So wird der Bindungstyp erkannt
Der Bindungstyp von Kleinkindern wird mit der „Fremden Situation“ nach Mary Ainsworth bestimmt: einem standardisierten Beobachtungsverfahren mit 12 bis 18 Monate alten Kindern, die zweimal kurz von ihrer Bezugsperson getrennt und wieder mit ihr zusammengeführt werden. Entscheidend ist, wie das Kind sich bei der Wiedervereinigung verhält; daraus ergibt sich die Einteilung in die vier Bindungstypen.
Die „Fremde Situation“ ist ein Forschungsinstrument und kein Test, den Eltern zu Hause durchführen können.
Die Bindungshaltung der Eltern wird mit dem Erwachsenen-Bindungs-Interview („Adult Attachment Interview“) erfasst, einer halbstrukturierten Befragung, bei der vor allem ausgewertet wird, wie stimmig und nachvollziehbar jemand über die eigene Kindheit erzählt.
In Deutschland haben Karin und Klaus Grossmann die Bindungsentwicklung in Längsschnittstudien seit den 1970er-Jahren untersucht. In ihrer Bielefelder Stichprobe war etwa die Hälfte der Kinder unsicher-vermeidend gebunden, in der Regensburger Stichprobe deutlich weniger.
Welche Folgen hat unsichere Bindung im späteren Leben?
Unsichere Bindung erhöht das Risiko für Schwierigkeiten in Beziehungen und im Umgang mit Stress, legt den späteren Lebensweg aber nicht fest. Frühe Bindungserfahrungen können unter anderem mitprägen:
- wie ein Mensch sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt
- welche Persönlichkeitsentwicklung sich im Lauf des Lebens zeigt
- welche Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung offenstehen
- wie Paarbeziehung gelebt werden kann
- welche Form von Sexualität, Humor und Ethik sich ausprägt
- welches Maß an Affektkontrolle zur Verfügung steht, d. h. ob Tendenzen zur Überreaktion oder Unterwürfigkeit bestehen
- ob ein kohärentes Selbstbild erzeugt wird
- ob Wertvorstellungen entstehen können, die über die gängige Moral hinausgehen
- wie stressresistent jemand ist
Auch für die körperliche Gesundheit gibt es Hinweise: In einer Langzeitstudie berichteten Erwachsene, die als Kleinkind unsicher gebunden waren, im Alter von 32 Jahren häufiger von körperlichen Erkrankungen (Puig et al. 2013), und belastende Kindheitserfahrungen gingen in einer großen US-Studie mit mehr Krankenhausaufenthalten wegen Autoimmunerkrankungen einher (Dube et al. 2009). Solche Studien zeigen Zusammenhänge, keine Ursache im Einzelfall.
Bei Erwachsenen werden meist vier Bindungsstile beschrieben:
- sicher: Nähe und Eigenständigkeit fallen leicht
- ängstlich-verstrickt: starke Sehnsucht nach Nähe, verbunden mit Verlustangst
- abweisend-vermeidend: Unabhängigkeit wird betont, Nähe eher gemieden
- ängstlich-vermeidend: Wunsch nach Nähe, zugleich Angst vor Verletzung.
Diese Stile beschreiben Tendenzen in Beziehungen, keine Diagnosen, und sie können sich im Lauf des Lebens verändern. Wie Bindungsmuster sich in Partnerschaften zeigen, kann auch Thema einer Paarberatung sein.
Bindungsstörung: Unterschied zur unsicheren Bindung
Eine Bindungsstörung ist eine kinderpsychiatrische Diagnose (ICD-10 F94.1 und F94.2), keine Variante der vier Bindungstypen. Sie entsteht meist nach schwerer Vernachlässigung oder häufig wechselnden Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren.
Unsichere Bindungsmuster sind häufig und keine Krankheit. Bei einer reaktiven Bindungsstörung ziehen sich Kinder zurück und suchen selbst bei Kummer kaum Trost; bei der Bindungsstörung mit Enthemmung gehen Kinder wahllos und distanzlos auf fremde Erwachsene zu.
Das Bindungssystem ist robust; erst schwerwiegende und wiederholte Belastungen führen zu einer Bindungsstörung. In der Allgemeinbevölkerung ist sie selten; in einem sozial stark benachteiligten Stadtteil in Großbritannien betraf sie 1,4 Prozent der Kinder (Minnis et al. 2013).
Zeigt ein Kind solche Auffälligkeiten, ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt die erste Anlaufstelle; Diagnose und Behandlung gehören in die Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. -psychotherapie.
Unsichere Bindung bei Erwachsenen: Psychotherapie und Gruppentherapie
Bei Erwachsenen mit unsicheren Bindungsmustern kann eine Psychotherapie helfen, die eigenen Beziehungsmuster zu verstehen und neue Erfahrungen in Beziehungen zu machen.
Viele Menschen sind unter Bedingungen aufgewachsen, die keine verlässlichen Beziehungserfahrungen ermöglicht haben, und tragen unsichere, ambivalente oder desorganisierte Muster ins Erwachsenenleben.
Sowohl Symbiose als auch Autonomie sind spezifisch menschliche Bedürfnisse, und deren Verhältnis gerät im Leben vieler Menschen manchmal in Ungleichgewicht. Im Laufe der persönlichen Entwicklung kommt es nicht selten zu angepasstem Fehlverhalten, das nur unter dem Gesichtspunkt der Bindungstheorie verständlich wird.
Bekannt sind die Versuche des Psychologen Harry Harlow: Junge Rhesusaffen suchten bei Angst die Nähe einer weichen, mit Fell bezogenen Mutterattrappe, obwohl nur eine Drahtattrappe sie fütterte (Harlow 1958). Das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit kann also stärker sein als andere Bedürfnisse – ein Muster, das sich auch in Paarkonflikten zeigen kann.
Eine verlässliche therapeutische Beziehung kann dabei selbst zu einer neuen Bindungserfahrung werden. In meiner Praxis in München biete ich neben Einzel- Psychotherapie auch die Gruppentherapie „Münchner Gruppe“ an. Dort geht es nicht nur um vergangene Beziehungen, sondern um Beziehungserfahrungen in der Gruppe selbst, die zugleich respektvoll und herausfordernd sein können.
Wenn Sie herausfinden möchten, ob Einzel- oder Gruppentherapie für Sie infrage kommt, vereinbaren Sie gern ein Erstgespräch:
Häufige Fragen zur Bindungstheorie
Hier finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Bindungstheorie und ihren Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter.
Hinweis zu diesem Artikel: Die beschriebenen Bindungstypen sind Forschungskategorien und keine Diagnosen; Online-Selbsttests ersetzen keine fachliche Einschätzung. Zeigt Ihr Kind auffälligen Rückzug, sucht es bei Kummer keinen Trost oder geht es distanzlos auf Fremde zu, sprechen Sie bitte mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt.