Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Bindungstheorie

„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ (Milton Erickson)

Die Bindungstheorie, im 20. Jahrhundert entwickelt von dem britischen Kinderpsychiater John Bowlby und der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth, gehört zu den durch empirische Studien am besten fundierten Theorien über die psychische Entwicklung des Menschen. Sie ist heute eine etablierte Disziplin in der Psychologie, die verhaltensbiologisches, entwicklungspsychologisches, systemisches und psychoanalytisches Denken verbindet und gilt als bedeutsame Basis der modernen Selbstpsychologie und der modernen Objektbeziehungstheorie.

Letztere stellt innerhalb der Psychologie, insbesondere der Psychoanalyse einen Paradigmenwechsel dar. Menschliche Entwicklung ist damit grob gesagt nicht mehr nur das Ergebnis von Triebunterdrückung (Psychoanalyse) oder Konditionierung (Behaviorismus), sondern das Ergebnis von Beziehung, die ausreichend Raum für Symbiose und Autonomie schafft.

Entwicklungspsychologie wurde damit von einer „one body psychology“ (Michael Balint) erweitert zur Disziplin, die die Erforschung von Menschen in sozialer Interaktion in den Fokus nimmt. Individuen und deren Muster in Haltung und Verhalten werden nur verständlich, wenn man sie in ihrem sozialen Rahmen betrachtet. Vor allem wird dabei die frühe Mutter-Kind-Beziehung und deren Auswirkung auf ein späteres Leben hin untersucht.

Grundlagen

Es gibt ein genetisch vorgeprägtes Bindungsverhalten, das allen Primatenkindern und insbesondere den Menschenkindern zu eigen ist. Damit hat jedes Kind eine angeborene Prädisposition, sich an seine Bezugsperson zu binden. Neuere Forschung auf diesem Gebiet zeigt, dass der Bindungsaufbau auch mit mehreren Bezugspersonen gleichzeitig gelingt. Im ersten Lebensjahr binden sich Kinder an maximal 2-3 Personen. Das geschieht nicht automatisch mit Menschen biologischer Verwandschaft oder mit denen, die am meisten Zeit mit dem Kind verbringen, sondern nur da, wo Bedürfnisse des Babys feinfühlig gestillt werden.

Das Bindungsverhalten entwickelt sich im ersten Lebensjahr, wobei erst ab der sechsten Lebenswoche ein personenunterscheidendes Bindungsverhalten beobachtbar ist und davor die Bindungsperson scheinbar beliebig wechseln kann. Die mögliche Interpretation dieses Phänomens, dass es gleichgültig sein könnte, wie oft die Bindungsperson in dieser Zeit wechselt, halte ich für unzulässig. In den ersten sechs Lebensmonaten erfolgt die Phase der stärksten Prägung und die Bindungsphase reicht hinein bis etwa ins vollendete zweite Lebensjahr.

Das Grundbedürfnis nach Bindung und Beachtung bleibt ein ganzes Leben bestehen und prägt den Kontakt und die Beziehung zu anderen Mitmenschen. Demnach ist die Bindungsqualität, wie sie sich in den ersten beiden Lebensjahren im Wesentlichen ausbildet, kein Fixum, sondern ein Kontinuum, das sich durch neu gemachte Erfahrung in anderen Beziehungen zeitlebens in unterschiedlichste Richtungen verändern kann.

Bindungstypen

Es ist eindrücklich, in welch hohem Maß bestimmte Erfahrungen, die Eltern in Beziehung gemacht haben, ziemlich genau vorhersehbare Bindungstypen bei deren Kindern erzeugen. Bei der ersten Gruppe der sicher gebundenen Kinder liegt diese Übereinstimmung bei 75%. Die anderen drei Gruppen liegen etwas darunter. Wenn man Kinder im Alter von einem Jahr in Längsschnittstudien mit dem Testverfahren „Fremde Situation“ beobachtet, sieht man unterschiedliche Reaktions- und Verhaltensweisen, die sich klassischerweise in vier verschiedene Bindungstypen unterteilen lassen. In diesem Test wird das Kind von der Bindungsperson, in der Regel die Mutter, zwei Mal getrennt und kommt nach einigen Minuten wieder mit ihr zusammen. Die Aussagen über die Einstellung der Bindungspersonen, meist der Eltern, stammen aus einer linguistischen Analyse des „Adult Attachement Interview“, dem Erwachsenen-Bindungs-Interview, einer halbstrukurierten Befragung der Eltern, um deren Bindungsrepräsentation zu erfassen.

  •  Sichere Bindung (50-60% der Kinder):

    Die Kinder können Nähe und Distanz der Bezugsperson angemessen regulieren. Bei Trennung von der Bezugsperson zeigen sie deutliches Bindungsverhalten wie Weinen, Schreien und Klammern, das signalisiert, dass sie die Trennung nicht akzeptieren werden. Auf die Wiederkehr der Mutter reagieren die Kinder mit Freude, suchen Körperkontakt und wollen getröstet werden. Nach kurzer Zeit beruhigen sie sich und wenden sich wieder dem Spiel zu.

    Die Bezugspersonen sind fähig zur Selbstreflexion mit einem hohen Maß an Selbstvertrauen, Frustrationstoleranz, Respekt und Empathiefähigkeit. Diese Eigenschaften wurden entweder vermittelt durch Eltern mit ähnlichen Eigenschaften oder erworben durch Übung von gleichsam verbindlicher wie selbstständiger Beziehung zu sekundären Bindungspersonen, Beziehungspartnern und / oder psychotherapeutischer Unterstützung.

  • Unsicher-Vermeidende Bindung (30-40% der Kinder):

    Die Kinder erscheinen äußerlich ruhig und „cool“ und zeigen bei Trennung eine Pseudounabhängigkeit von der Bezugsperson als Ausdruck einer Stress-Kompensationsstrategie, die leider oft als „pflegeleichtes“ Verhalten, ruhiges Temperament oder frühe Selbstständigkeit fehlinterpretiert wird. Klinische Stressparameter, wie Herzfrequenz und Cortisolspiegel im Speichel weisen unmissverständlich auf erhöhten Stress hin, der sogar noch größer ist als der bei unsicher-ambivalenter Bindung und auch noch eine halbe Stunde nach dem Stressreiz anhält. Sie zeigen bei Trennung nur wenig Protest und kein deutliches Bindungsverhalten. Sie spielen in der Regel weiter, wenn die Mutter den Raum verlässt, wenn auch mit weniger Neugier und Ausdauer. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie mit Ablehnung, wenden sich aktiv ab und wollen nicht auf den Arm genommen und getröstet werden.

    Die Bezugspersonen zeigen häufig eine distanzierte, bindungsabweisende Einstellung. Es gefällt ihnen, wenn die Kinder Anhänglichkeit zeigen, sie können jedoch deren Bedürfnisse nach Geborgenheit, Beruhigung und Trost nicht ausreichend stillen. Auch können sie sich kaum an eigene Kindheitserlebnisse erinnern, was auf ein hohes Maß an Verdrängung schließen lässt. Die eigenen Eltern und deren Erziehungsmethoden werden idealisiert, obwohl nur von wenig Unterstützung und wiederholter Zurückweisung berichtet wird. Kennzeichnend ist ein großes Unabhängigkeitsbestreben und eine Überbetonung von Selbstständigkeit, eigener Stärke und Willenskraft und die Angabe, fehlende Hilfe in der Vergangenheit nicht sonderlich vermisst zu haben.

  • Unsicher-Ambivalente Bindung (10-20% der Kinder):

    Die Kinder zeigen nach Trennung den größten Stress mit abwechselnd anklammerndem und aggressiv-abweisendem Verhalten gegenüber der Bezugsperson. Sie sind nur schwer zu beruhigen und können sich auch nach eingehender Zeit der Beruhigungsversuche nicht wieder selbstständig im Spiel beschäftigen. In ihrer weiteren Entwicklung erfolgt meist eine Parentifizierung, d. h. eine Rollenumkehr, in der das Kind die Rolle eines schwachen, erwachsenen Elternteils übernehmen muss und damit natürlich heillos überfordert ist. Dadurch sind Explorations-, Ablösungs- und Autonomiebestrebungen erschwert und von Schuldgefühlen und unterdrückter Wut begleitet.

    Die Bezugspersonen, vor allem die Mutter, konnten häufig keinen Schutz und Beruhigung in Bedrohungs- und Stresssituationen bieten. Die Mitteilungen an das Kind sind meist von Doppelbotschaften geprägt, indem Mitgefühl und Trost mit Schelte, Druck und angstauslösendem Verhalten abwechselt. So wird nach angehender Beruhigung das Bindungsverhalten des Kindes mit Weinen und Schreien immer wieder reaktiviert. Ebenso konnte hier häufig im Verhalten der Eltern ein unvorhersehbarer Wechsel von Überfürsorge und Zurückweisung und eine geringe oder wechselnde Qualität von Feinfühligkeit beobachtet werden. Die Eltern sind emotional nur teilweise verfügbar. Sie werden häufig von Erinnerungen an die eigene Kindheit dauerhaft belastet. Eigene negativ prägende Kindheitserlebnisse konnten nicht verarbeitet werden und die Gefühle wechseln zwischen Wut auf und Idealisierung der eigenen Eltern. Ein Gefühl der Abhängigkeit und Ohnmacht bezüglich der eigenen Eltern steht im Vordergrund und die Illusion, dass diese allein durch Wiedergutmachung diese missliche Lage positiv beeinflussen könnten. Im Test-Interview fielen diese erwachsenen Bezugspersonen durch ausufernde Detailschilderungen auf, die geprägt waren von inhaltlichen Sprüngen und Widersprüchen.

  • Desorganisierte Bindung (5-10% der Kinder):

    Dieses Muster ist als beginnende Psychopathologie zu werten. Jedoch können auch die drei oben genannten Bindungsqualitäten in kurzen Sequenzen desorganisierte Verhaltensweisen zeigen. Die Kinder zeigen deutlich desorganisiertes, nicht auf eine Bezugsperson bezogenes Verhalten wie stereotype Bewegungen, oder es kommt zu widersprüchlichem Verhalten wie gleichzeitigem Verlangen und Ablehnung von Nähe. Sie laufen dabei auf die Mutter zu und bleiben auf der Hälfte des Weges stehen. Oder ihre Bewegungen können mitten im Bewegungsablauf erstarren und scheinbar einfrieren. Das Bindungssystem des Kindes ist hier aktiviert, äußert sich aber nicht in eindeutigen und konstanten Verhaltensweisen. Diese kindlichen Verhaltensweisen bei desorganisiertem Bindungsmuster haben auf der Symptomebene Ähnlichkeiten mit der Aufmerksamkeit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Neben den unten genannten Risikofaktoren besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen desorganisierten Verhaltensweisen und Frühgeburtlichkeit. Nach Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch zeigen Kinder gehäuft (bis zu 80%!) desorganisierte Verhaltensweisen.

    Die Bezugspersonen sind meist traumatisierte Eltern, die unter unverarbeiteten Erfahrungen leiden wie seelischer und körperlicher Verletzung oder gehäuften bzw. abrupten frühen Verlusten eigener Bindungspersonen. Durch ihre eigene fehlende Stressresistenz lösen sie in ihren Kindern ständig Alarmbereitschaft aus, die sie aber nicht beruhigen können. Auch hier tritt meist eine starke Parentifizierung ein und die Mütter überlassen den Kindern die Führung in Beziehung in zu hohem Ausmaß.

Dies alles sind zum Teil gestörte, jedoch noch nicht krankhafte Bindungsmuster. Das Bindungssystem ist sehr robust und es benötigt schwerwiegende und häufige Störungen, bis Kinder eine pathologisches Bindungsstörung entwickeln, was bei ca. 3-5% der Kinder vorkommt.

Die Prozentangaben über die Häufigkeit der einzelnen Bindungsqualitäten stammen aus Längsschnittstudien von Karin und Klaus Grossmann aus den 70er- und 80er-Jahren. In Deutschland wurden dabei geographisch keine Ost-West, jedoch Nord-Süd-Unterschiede festgestellt, die gezeigt haben, dass im Norden die vermeidende Bindungsqualität häufiger vorkam. Eine aktuelle Studie von Dr. Karl-Heinz Brisch aus dem Jahr 2013/2014, die 150 Familien untersucht, gibt Hinweise, dass der Anteil des vermeidenden Bindungsmusters in Deutschland ansteigt.

Kinder bilden verschiedene Bindungsqualitäten zu verschiedenen Bezugspersonen aus, wobei jedoch ein Muster das dominante wird. Es gibt eine Hauptbindungsperson, die sich diese Position unabhängig von biologischer Verwandschaft durch die größte Feinfühligkeit in Interaktion mit dem Baby erwirbt. Sie wird bei größtem Stress aufgesucht und kann am besten beruhigen. Daneben gibt es zwei bis drei weitere nachgeordnete Bindungspersonen, die bei kleinerem Stress trösten können.

Zeichen und Sinn von Bindungsverhalten

Ein Kind wird unter allen Umständen sein Verhalten so gestalten, dass die existentiell wichtigen Beziehungen aufrechterhalten bleiben. Dieses Bindungsverhalten zeigt sich in Blickkontakt, Lächeln, Schreien, Festklammern und Zur-Mutter-Krabbeln und sichert in einer anfangs symbiotischen Beziehung (meist) mit der Mutter ausreichend Nähe, Geborgenheit und Sicherheit, die zum Überleben in der frühen Kindheitsphase nötig ist.

Erst wenn dieses Bedürfnis nach Sicherheit ausreichend befriedigt ist, erwacht nach der symbiotischen Phase eine Explorationsphase, die zu Autonomie führt. Die frühen Beziehungs-Erfahrungen werden zu „inner working models“ (J.Bowlby), die wiederum Beziehungen in der Zukunft unbewusst beeinflussen.

Störungen im Bindungsverhalten

Sowohl Symbiose als auch Autonomie sind spezifisch menschliche Bedürfnisse, und deren Verhältnis gerät im Leben vieler Menschen oft in Ungleichgewicht, was ein guter Grund für Selbsterfahrung und Psychotherapie ist.

Im Laufe der Entwicklung vieler Menschen kommt es zu angepasstem Fehlverhalten, das nur unter dem Gesichtspunkt der Bindungstheorie verständlich wird. Zum Beispiel suchen Affenjunge die körperliche Nähe zu Mutterattrappen, die mit Fell bedeckt sind, sie aber nicht füttern, jedoch nicht zu Drahtattrappen, die sie zwar füttern, aber nicht mit Fell bedeckt sind. Hier wird das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit über die körperliche Unversehrtheit gestellt, wie es auch verhängnisvoll in vielen psychosomatischen Erkrankungen und Paarkonflikten bei Menschen deutlich wird.

Erkenntnisse

In der Bindungsforschung kann empirisch belegt werden, dass bestimmte Formen frühkindlicher Beziehung einen positiven wie auch negativen Einfluss auf die spätere Entwicklung haben können – darauf:

  • wie ein Mensch sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt
  • welche Persönlichkeitsentwicklung sich im Lauf des Lebens zeigt
  • welche Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung offen stehen
  • wie Paarbeziehung gelebt werden kann
  • welche Form von Sexualität, von Humor und Ethik sich ausprägen
  • welches Maß an Affektkontrolle zur Verfügung steht, d. h. ob Tendenzen zur Überreaktion oder Unterwürfigkeit bestehen
  • ob ein kohärentes Selbstbild erzeugt wird
  • ob Wertvorstellungen enstehen können, die über die gängige Moral hinausgehen
  • wie stressresistent jemand ist
  • wie widerstandsfähig oder krankheitsanfällig jemand ist für psychische Erkrankungen wie Depression oder übertriebene Aggression, Angststörungen, Zwangsverhalten, SuchtverhaltenAufmerksamkeitsstörungen wie ADS und ADHS und psychosomatische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Burnout-Syndrom, Autoaggressionserkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Colitis ulcerosa, M.Crohn, Multiple Sklerose.

Neurobiologische Bestätigung der Bindungstheorie

Die Neurobiologie zeigt heute eindrucksvoll, dass die Ausprägung dieser Faktoren im Wesentlichen von der Entwicklung der rechten Gehirnhemisphäre abhängt. Wie wir später emotional leben, wird damit zu 80% in der Entwicklungsperiode von der 2. Schwangerschaftshälfte bis zum 18. Lebensmonat, also bevor das Denken überhaupt beginnt, angelegt.

Bedeutung von Emotion und Verstehen im Leben und in Therapie

Alle wesentlichen Handlungen werden schneller, als wir denken können, von emotionalen Zentren des Gehirns, insbesondere des limbischen Systems, geleitet. Der Spruch „erst Denken, dann Handeln“ wird damit zum Leitsatz eines Auslaufmodells der Evolution.

Wurden im kartesianischen frühneuzeitlichen Rationalismus noch das Denken und die Vernunft als Quelle des Lebens gelobt, was im Ausspruch R. Déscartes „Cogito ergo sum“ seinen Ausdruck findet, so wissen wir heute, neurobiologisch fundiert, dass es heißen muss: „Ich fühle, also denke und lebe ich“, was zum Ausdruck bringt, wie stark unser Handeln von früher emotionaler Beziehungserfahrung unbewusst geleitet wird.

Schutzfaktoren

Aus Sicht der vorhandenen Ergebnisse der Bindungsforschung wird die Entwicklung einer sicheren emotionalen Bindung eines Kindes an seine Eltern als ein bedeutender Schutzfaktor in der kindlichen Entwicklung betrachtet. Kinder mit einer sicheren Bindung haben mehr Fähigkeit zu Empathie, haben eine bessere Sprachentwicklung, sind kreativer, was auch bedeutet, dass sie in schwierigen Lebenssituationen schnellere und bessere Lösungsmöglichkeiten finden.

Einflüsse auf die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit

Die Bindungsentwicklung ist durch vielfältige Einfüsse wie z. B. Traumata störbar. Dabei muss es nicht immer ein schwerwiegendes existentielles Trauma sein. Oft reichen Traumata für Bindungs- und Beziehungsstörungen aus, die durch vorübergehende Trennung oder den Verlust von nahestehenden Personen hervorgerufen werden.

Zusätzlich erfahren wir heute aus der psychologischen und biologischen Forschung, allen voran der Epigenetik, dass auch Erlebnisse in der Biographie der Eltern Auswirkungen haben auf die Bindungsfähigkeit ihrer Kinder und damit auf weite Teile von deren Lebensgestaltung. Es konnte eine transgenerative Übereinstimmung und Vorhersage von 80% beobachtet werden zwischen der berichteten Einstellung werdender Mütter zu Bindung und Beziehung und des sich entwickelnden Bindungstyps des zu diesem Zeitpunkt noch ungeborenen Kindes. Es scheint in den meisten Fällen zutreffend, dass unsichere oder traumatisierte Erwachsene auch unsichere und traumatisierte Kinder zeugen.

Therapie

Viele Menschen wachsen unter solch unsicheren Bedingungen auf, die keine konstanten und verlässlichen Beziehungsmuster entstehen lassen, und entwickeln fortan unsichere, ambivalente oder desorganisierte Bindungs- und Beziehungsmuster. Hier kann dann therapeutische Beziehung, trotz suboptimaler Bindungserfahrungen, zu einem reifen erwachsenen Leben verhelfen.

Im besten Fall werden in Psychotherapie und Selbsterfahrung nicht vergangene Beziehungen analysiert, sondern das gegenwärtige, wiederholte Angebot einer gleichsam achtungsvollen wie herausfordernden Beziehung stellt die eigentliche Therapie dar. Nicht die Inhalte oder Methoden der Psychotherapie sind  von vorrangiger Bedeutung, wie Therapieforschung heute eindrucksvoll beweist, sondern die therapeutische Beziehung, sofern sie eine positiv korrigierende emotionale Erfahrung ermöglicht, ist das wesentlich wirksame und heilsame in Therapie.

Ein sehr wirksames primäres Präventionsprogramm zur Förderung von sicheren Bindungsbeziehungen zwischen Eltern und Kindern stellen die SAFE®-Kurse dar.

Gruppentherapie bei Bindungsstörungen

Umso mehr Möglichkeiten und Modelle dem Klienten dabei zur Erforschung der eigenen Persönlichkeit angeboten werden, desto wirksamer erweist sich Therapie. Daher sind die Selbsterfahrung in der Gruppe mit anderen Mitmenschen und die Gruppentherapie eine hervorragende Chance, die neues Erleben in Denken, Fühlen und Handeln ermöglichen kann.

Bindungstherapie als Basis von Psychotherapie

Jede Form von Psychotherapie, die den Anspruch erhebt, hilfesuchenden Menschen nicht nur Analyse und Verständnis ihrer Probleme zu vermitteln, sondern mittel- und langfristig eine spürbar positive Veränderung in deren Leben zu ermöglichen, wird sich den Erkenntnissen der Bindungstheorie nicht verschließen können. Wenngleich es sehr erfreulich ist, dass sich mittlerweile sogar ein eigenes Therapieverfahren, die „Bindungstherapie“ nach Karl Heinz Brisch, etabliert hat, so sollte doch das Wissen aus der Bindungstheorie in alle psychotherapeutischen Methoden hineinwirken beziehungsweise deren Basis bilden.

Lied zum Thema Kindheit meiner Schwägerin Rosalie, das sehr schön zeigt, wie man erinnert, imaginiert oder phantasiert Zugang zu eigenen Bindungs- und Beziehungsressourcen bekommen kann. Vielen Dank dafür.

Literatur:

K.H. Brisch: Bindungsstörungen – von der Bindungstheorie zur Therapie
Martin Dornes: Die frühe Kindheit – Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre
Daniel Stern: Mutter und Kind – Die erste Beziehung
Daniel Stern: Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt
Franz Ruppert: Trauma, Bindung und Familienstellen. Seelische Verletzungen verstehen und heilen
Gerald Hüther: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden
Gerald Hüther: Das Geheimnis der ersten neun Monate – Unsere frühesten Prägungen
Gerald Hüther: Was Kinder brauchen – Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung

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