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Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Salutogenese

Wie entsteht Gesundheit? Wie können wir sie auch unter belastenden Bedingungen erhalten? Die Salutogenese fragt nicht, warum Menschen krank werden, sondern warum sie trotz vieler Risikofaktoren gesund bleiben. Sie untersucht, welche Einflüsse die Widerstandskräfte von Menschen stärken, so dass sie selbst schwere Belastungen ohne gesundheitsschädliche Auswirkungen bewältigen können.

Gesundheit und Krankheit sind im salutogenetischen Modell zwei Pole eines labilen Gleichgewichts. Wir Menschen befinden uns dazwischen mal mehr auf der einen und mal mehr auf der anderen Seite. Wie wir uns mehr in Richtung Gesundheit bewegen können, belegen Forschungsergebnisse eindeutig. Wenn wir unsere Selbstwirksamkeit, die Sinnhaftigkeit unseres Handelns und ein Gefühl der Verbundenheit mit unserer Umwelt erfahren, können wir besser mit Belastungen umgehen und unsere Gesundheit stärken!

Pathogenese

Nicht selten scheint durch die Fixierung auf das Defizitäre, also das, was schlecht ist und immer besser sein könnte, der Blick verstellt für die positiven, sinnvollen und lebenswerten Eigenschaften des Lebens. So hat sich auch in der Medizin das Paradigma der Pathogenese über Jahrhunderte durchgesetzt: Es wird die Frage gestellt, was krank macht und wie die pathogenen Faktoren durch Prävention und Therapie vermindert werden können.

Folglich wird nach dem die Krankheit verursachenden Erreger, dem helfenden Antibiotikum oder der vorbeugenden Impfung gesucht. Die Medizin ist mit dieser Denkart und den daraus erwachsenden Konsequenzen an ihre Grenzen gestoßen. Zum einen werden die Menschen zwar immer älter, leiden aber auch in einem nie dagewesenen Maß an chronischen Erkrankungen und sind dadurch nicht wirklich gesünder als in früheren Zeiten.

Zum anderen sind die im Gesundheitswesen gestiegenen Leistungen und Kosten nicht mehr finanzierbar. Dadurch entsteht die Notwendigkeit, Methodik und Gültigkeit der gegenwärtigen Medizin zu überprüfen und andere Ansätze zu untersuchen.

Was hält gesund?

Die Salutogenese ist im englischen Sprachraum ab den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts als Konzept entwickelt worden und findet bei uns zunehmend Gehör im akademischen und gesundheitspolitischen Diskurs. Kennzeichnend für die salutogenetische Forschung ist eine lösungsorientierte Fragestellung:

  • Woher kommt Gesundheit?
  • Wie kann sie gestärkt werden?
  • Warum bin ich gesund geblieben, wo alle um mich herum eine Infektion bekommen haben?

Was kann ich für das Gelingen einer bestimmten Sache tun, nicht: was muss ich dagegen halten, damit etwas nicht geschieht. Anzuwenden ist dieses Prinzip über die Medizin hinaus auf nahezu alle Bereiche des menschlichen Lebens.

Konträre Konzepte

Pathogenese (Was macht krank?) und Salutogenese (Was macht gesund?) haben beide ihre Berechtigung in medizinischen Untersuchungen, jedoch wurde die Aussagekraft pathogenetischer Forschung für lebende Organismen seit Jahrhunderten deutlich überschätzt, was uns die gegenwärtige Krise im Gesundheitssytem deutlich macht. Im Folgenden werden die wesentlichen Unterschiede dieser beiden komplementären Konzepte beschrieben.

Salutogenese

Die salutogenetische Orientierung gibt die Vorstellung auf, der Mensch sei entweder gesund oder krank, wobei Krankheit eine Abweichung vom Normalzustand bedeutet. Vielmehr sind Gesundheit wie auch Krankheit charakteristisch für menschliches Leben, und die Tatsache eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums kann als Normalzustand beobachtet werden. Im Leben ist ein Sich-Einlassen auf ein labiles Gleichgewicht gefordert, kann doch ein stabiler Zustand nur Kennzeichen toter Materie sein.

Es geht nicht um das Vermeiden von heterostatischen (griech.: in einen anderen Zustand versetzenden) Lebensprozessen, sondern darum, ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Resistenz dadurch aktiv zu erwerben, dass der Mensch sich mit dem allgegenwärtig Fremden, mit Konflikten und Stressoren auseinanderzusetzen und die Grenzen seelischer und körperlicher Belastbarkeit kennen und auszudehnen lernt.

Vom salutogenetischen Standpunkt aus werden Stressoren nicht als etwas Unanständiges angesehen, das fortwährend reduziert werden muss. Darüberhinaus gelten die Konsequenzen der Stressoren nicht notwendigerweise als pathologisch, sondern als möglicherweise sehr gesund, abhängig vom Charakter des Stressors und der Möglichkeit einer erfolgreichen Auflösung der Anspannung.

Anstatt sich auf eventuell krankmachende Bedingungsfaktoren zu konzentrieren, ist es entscheidender zu fragen, welche Faktoren daran beteiligt sind, dass der Mensch seine Position auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum beibehalten oder auf den gesunden Pol hinbewegen kann.

Anpassung vs Elimination

Im Gegensatz zu der Suche nach einer Art Wunderwaffe gegen Krankheit müssen wir nach Quellen suchen, die eine aktive Adaptation des Organismus an seine Umwelt fördern. Es scheint die Hybris der naturwissenschaftlichen Forschung zu sein, sich über Gesetzmäßigkeiten menschlichen Lebens hinwegzusetzen; sie postuliert, Leben, Lernen und Wachstum könnten ohne aktive Anstrengung und Auseinandersetzung und ohne eine immanente Gefahr vollzogen werden.

Diesem Wunschdenken und Trend gemäß hat sich eine zunehmend konfliktscheue Gesellschaft entwickelt, in der nach Hochrechnungen der WHO im Jahre 2100 jeder zweite Bewohner der Industrienationen von Tabletten oder Drogen abhängig sein wird. Aber gerade eine solche Gesellschaft kann es sich nicht mehr leisten, mit althergebrachten Methoden Antworten auf aktuelle Fragen zu suchen.

Typisch für das pathogenetische Prinzip ist der Rat: Impfe dich gegen alle möglichen Erreger, vermeide jeden Stress und Ärger, lasse dich krank schreiben oder nimm eine Tablette bei jedem Unwohlsein. Für die Salutogenese ist kennzeichnend: Wie lerne ich mit herausfordernden Lebenssituationen zurechtzukommen und innerlich wie äußerlich flexibel darauf zu reagieren, um ein hohes Maß an selbstregulierenden und damit selbstheilenden Möglichkeiten zu erlangen?

Entsprechend der „Fluss-abwärts-Perspektive“ (Aaron Antonovsky: Salutogenese, 1997) versucht die konventionelle Medizin, Ertrinkende aus einem reißenden Fluss zu bergen. Dieser Aufgabe zugetan, werden Augen und Bewusstsein niemals auf das gerichtet, was stromaufwärts passiert – darauf, wer oder was all die Menschen in den Fluss stößt. Fast niemand springt aus freiem Willen in den Fluss und weigert sich zu schwimmen.

Die entscheidende salutogenetische Frage untersucht, wie man ein guter Schwimmer wird, wo immer man sich in dem Fluss befindet, dessen Natur von historischen, soziokulturellen und physikalischen Umweltbedingungen bestimmt wird. Es wird nicht geleugnet, dass die sogenannte Schulmedizin segensreich sein kann, wenn sie einem Ertrinkenden einen Rettungsring zuwirft. Jedoch lautet der Vorwurf, dass dies zu häufig, zu undifferenziert und zu dogmatisch geschieht.

Was ist Gesundheit?

Was nun erleichtert mir das selbstständige Schwimmen im Lebensstrom? Was erhöht die Anpassungsfähigkeit an Lebensbedingungen, die nicht immer angenehm sind? Was führt zu einer Gesundheit, die auch mittel- und langfristig den Anforderungen des Lebens gerecht wird? Sicherlich ist es ein wesentlicher heilbringender Faktor, Verantwortung für sich und seine Umwelt zu übernehmen.

Gesundheit bedeutet heil sein im Sinne von ganz sein, im Einklang mit sich und seiner Umwelt zu sein und zu einem Gefühl für den Zusammenhang alles Seienden zu gelangen. Krankheit ist stets die Folge von Desintegration einzelner Prozesse, Funktionen oder Substanzen im Organismus. In dieser Hinsicht sind vor allem die Forschungsergebnisse von Aaron Antonovsky und Abraham Maslow von entscheidender Bedeutung.

Forschung

Aaron Antonovsky (1923-1994)

Gilt als Vater des salutogenetischen Paradigmas. Er formulierte seine Theorie nach medizinsoziologischen Untersuchungen an Überlebenden des Holocausts, die wider Erwarten seelisch und körperlich gesund blieben und überprüfte diese erstaunlichen Erkenntnisse später an Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen und soziokulturellen Kreisen.

Sein Streben war, verbindliche Voraussetzungen herauszuarbeiten, die scheinbar gesunden und zufriedenen Menschen zu eigen sind, um eben diese Eigenschaften zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit fördern zu können.

Drei wesentliche Faktoren tragen nach seiner Untersuchung zur Manifestation eines „Kohärenzgefühls“ (= vertrauensvolle Orientierung im Leben) und damit zu wachsender Gesundheit bei. Menschen sollten möglichst von früher Kindheit an lernen, zu einer befriedigenden Weltanschauung zu gelangen. Sie sollten lernen, dass die Welt

  • verstehbar
  • handhabbar
  • bedeutsam ist.

Diese Bedingungen zeigten sich durch Antonovskys Untersuchungen als die wichtigsten Faktoren für anhaltende Gesundheit.

Abraham Maslow (1908-1970)

War ein weiterer wichtiger salutogenetischer Denker und Forscher und er ist neben Erich Fromm und Carl Rogers einer der Begründer der humanistischen Psychologie und Psychotherapie. Er hat sich die Frage gestellt, warum gesunde Menschen so wenig beachtet werden. Vielleicht, so meinte er, könnte man von ihnen Erkenntnisse gewinnen, um gesünder zu werden.

So startete er eine mehrjährige Untersuchung, um das Wesen der Gesundheit an gesunden Menschen zu erforschen. „Als ich begann, die psychische Gesundheit zu untersuchen, wählte ich die hervorragendsten und gesündesten Personen aus (…) und untersuchte ihre Eigenschaften. Sie waren sehr anders, in mancher Hinsicht überraschend anders als der Durchschnitt.“ (A. Maslow: Motivation und Persönlichkeit).

Seine Ergebnisse sind beeindruckend und seiner Untersuchung zufolge zeichnen sich gesunde Menschen durch die folgenden Merkmale aus:

  • Sie besitzen eine bessere Wahrnehmung der Realität
    (Fähigkeit, Menschen und Sachverhalte richtig zu beurteilen)
  • Sie können sich selbst, andere und die Natur akzeptieren
    (Mangel an Schutzfärbung, Verteidigung oder Pose, Abneigung gegen Gekünsteltheit, Lüge, Heuchelei, Eindruckschinden)
  • Sie besitzen Natürlichkeit, Spontanität, Einfachheit und Bescheidenheit
    (lassen sich durch Konventionen von individuellen Lebensaufgaben nicht abhalten)
  • Sie sind problem-, sach- und themenorientiert
    (nicht ich-orientiert)
  • Sie haben ein Bedürfnis nach Privatheit
    (können ohne Unbehagen allein sein)
  • Sie sind autonom, aktiv und wachstumsorientiert
    (Unabhängigkeit von der physischen und sozialen Umwelt; Antrieb durch Wachstums- und Leistungsmotivation)
  • Sie besitzen eine unverbrauchte Wertschätzung
    (grundlegende Lebensgüter werden mit Ehrfurcht, Freude, Staunen geschätzt)
  • Sie wurden von mystischen Erfahrungen geprägt
    (Ich-Verlust und Erfahrung der Transzendenz durch sogenannte „Gipfelerlebnisse“)
  • Sie besitzen Gemeinschaftsgefühl
    (tiefes Gefühl der Identifikation, Sympathie und Zuneigung)
  • Sie können die Ich-Grenze überschreiten
    (intensive interpersonelle Beziehungen)
  • Sie haben eine demokratische Charakterstruktur
    (freundlicher Umgang mit Menschen ungeachtet von Klasse, Rasse, Erziehung, Glauben)
  • Sie besitzen eine starke ethische Veranlagung
    (feste moralische Normen, keine chronische Unsicherheit hinsichtlich des Unterschieds zwischen richtig und falsch)
  • Ihr Humor ist philosophisch, nicht feindselig
    (sie lachen nicht über feindselige, verletzende oder Überlegenheitswitze)
  • Gesunde Menschen sind ohne Ausnahme kreativ
    (sie leisten Widerstand gegen Anpassungsdruck)

Diese Forschungsergebnisse darüber, was Gesundheit ausmachen und wiederherstellen kann, sind ein erster Meilenstein für eine gesündere Zukunft, in der Gesundheit wieder mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit ist, und die vor allem wieder durch mehr Selbstverantwortung geprägt sein muss. Es zeigt sich die Verantwortung, die wir in der Erziehung unseres Selbst und unserer Kinder tragen. Gesundheit scheint damit keine Illusion mehr zu sein, die wir nur von außen erfüllt zu bekommen wünschen, sondern ein innerer Auftrag, den wir aufgefordert sind aktiv zu verwirklichen.