Markus Breitenberger
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Die Anzahl der Menschen, die an Autoimmunerkrankungen leiden, nimmt deutlich zu.
60 verschiedene Erkrankungen werden derzeit zu diesem Formenkreis gezählt. Damit stellen
sie zahlenmäßig die häufigsten chronischen Erkrankungen in der westlichen Welt. Zum großen
Teil handelt es sich dabei um Krankheiten, die der Medizin schon lange bekannt sind. Neu ist
jedoch bei vielen die Erkenntnis, dass autoimmune Prozesse die Krankheit verursachen und
aufrechterhalten.
Autoimmunerkrankungen sind so bedrohlich, weil sie oft schon bei jungen Menschen ausbrechen,
die Sterblichkeit bei einigen noch immer sehr hoch ist und sie nicht selten ein schweres Leiden
mit Arbeitsausfällen, Behinderung und dem Zusammenbruch des gewohnten sozialen Umfelds
bedeuten. Dazu gelten sie in der Schulmedizin als unheilbar und haben oft einen lebenslangen,
unvorhersehbaren Verlauf. Man beobachtet Varianten von phasenweisen Teil- bzw.
Vollremissionen (d.h. wenig oder keine Symptome), bis hin zu schnell fortschreitenden,
unaufhaltsam destruktiven Prozessen. Meist wird die Diagnose einer Autoimmunerkrankungen
als Zufallsbefund erst nach jahrelanger Erkrankung gestellt, da die Symptomatologie oft
vielschichtig und unspezifisch ist.
Betroffene Organe (Auswahl)
Autoimmunreaktionen können jedes Organ betreffen,
von der Haarwurzelzelle (Alopezia areata) bis zum Herz (autoimmune Kardiamyopathie).
| • Multiple Sklerose | (Zentrales Nervensystem) |
| • Morbus Hashimoto | (Schilddrüse) |
| • Morbus Basedow | (Schilddrüse) |
| • Sprue/Zöliakie | (Verdauungstrakt) |
| • Morbus Crohn | (Verdauungstrakt) |
| • Colitis ulcerosa | (Verdauungstrakt) |
| • Vitligo | (Haut) |
| • Psoriasis | (Haut) |
| • Urticaria | (Haut) |
| • Mucocutane Candidiasis | (Haut) |
| • Lupus erythematodes | (Haut) |
| • Bullöses Pemphigoid | (Haut) |
| • Rheumatoide Arthritis | (Gelenke) |
| • Morbus Bechterew | (Gelenke) |
| • Perniziöse Anämie | (Blut) |
| • Arteriossklerose | (Blutgefässe) |
| • Chronisch autoimmune Gastritis | (Magen) |
| • Juveniler Diabetes mellitus | (Bauchspeicheldrüse) |
| • Chronisches Erschöpfungssyndrom | (vermutlich Hormonsystem) |
Auch wenn in allen Teilbereichen der Medizin Autoimmureaktionen auftreten können, sind
es doch ähnliche, teilweise identische, molekulare und pathophysiologische Grundlagen, die
als krankheitsverursachend gelten.
Begleiterkrankungen
Als Begleiterkrankungen treten folgende Beschwerden gehäuft auf:
Naturwissenschaftliche Ursachenforschung
Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt vorwiegend auf Zellebene an Mäusen. Daraus
ergeben sich viele neue spekulative Therapievorschläge. Ein hochkomplexes, evolutionär
stark unter Druck stehendes menschliches Immunsystem weist jedoch erhebliche Unterschiede
zu Mäusen auf.
Es sind für Autoimmunkrankheiten keine eindeutigen Ursachen bekannt. Seit Mitte der 1980-
er Jahre hat sich die medizinische Forschung fast ausschließlich auf genetische Defekte als
monokausales Ursachenmodell konzentriert. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis
durch, dass ein genetisches Merkmal allein nur sehr selten eine Krankheit ausbrechen lässt.
Meist sind bestimmte Auslöser in einer labilen Lebenssituation der Krankheit vorausgegangen.
In der Pathogenese (Krankheitsentstehung) werden vier (I-IV) verschiedene innere und
äußere Auslöser diskutiert, die immer mehr oder weniger an der Entstehung beteiligt sind.
I. Störung der Immuntoleranz / Selbsttoleranz
Um das Jahr 1900 erkannte der Mikrobiologe Paul Ehrlich den Unterschied zwischen ‘selbst’
und ‘nicht selbst’. Im Organismus höher entwickelter Lebewesen muss es eine Barriere
geben, damit das Abwehrsystem keine körpereigenen Gewebe angreift. Hauptakteure in
diesem Geschehen sind B–Zellen (reifen im Knochenmark und sorgen für die humorale
Abwehr) und T–Zellen (reifen im Thymus und sorgen für die zelluläre Abwehr). Der Mechanismen
der Toleranzvermittlung ist nicht vollständig geklärt. Drei Hypothesen sind von besonderer
Bedeutung:
II. Fehlprogrammierung durch molekulare Mimikry
Verschiedene bakterielle und virale Infekte können offensichtlich eine Autoimmunkrankheit
auslösen. Der Erreger hat in diesem Fall große Ähnlichkeit mit der Struktur körpereigenen
Gewebes. Dies dient dem Erreger als Tarnung, um ungehindert in den menschlichen
Organismus eindringen und sich vermehren zu können. Bekannt sind die Fälle von
rheumatischem Fieber nach Streptokokkeninfekt oder das gehäufte Auftreten von juvenilem
Diabetes mellitus nach einer Virusinfektion wie Masern. Auch werden häufig
Autoimmunkrankheiten nach Mononukleose beobachtet.
Immer deutlicher wird auch, dass Impfungen einzelne Autoimmunprozesse begünstigen bzw.
aktivieren können. Besonders auffällig ist hierbei der Zusammenhang zwischen dem Auftreten
von Multipler Sklerose und einer Impfung gegen neurotrope Erreger (Polio, Masern, Tetanus,
FSME).
III. Umweltfaktoren
IV. Vererbung bzw. Veranlagung
Autoimmunkrankheiten werden nicht direkt vererbt, so dass man von einer Veranlagung
ausgeht, die durch einen exogenen oder endogenen Reiz aktiviert werden kann. Zahlreiche
Laborparameter sind bekannt, um die mögliche Veranlagung zu verifizieren oder
auszuschließen.
Genetisch bedeutet also nicht zwingend unumgänglich. Immer ist ein äußerer oder
innererAuslöser beteiligt, da die in den Genen vorgegebene Bauanleitung für ein
bestimmtes Eiweiß noch lange nicht garantiert, dass dieses auch entsteht. Es hängt
immer davon ab, auch bei genetischen Krankheiten, in welcher Verfassung der Mensch
ist; d.h. welche Vorbedingung er bietet, damit eine bestimmte Erkrankung ausbrechen
kann oder nicht. Diese Vorbedingungen lassen sich gerade durch homöopathische
Behandlung gut beeinflussen.
Welche Faktoren, die nicht in Zentimetern, Gramm und Sekunden, den Parametern der
Naturwissenschaft, gemessen werden können, sind noch an diesem autoimmunen
Krankheitsgeschehen beteiligt?
Das Abwehrsystem des Menschen, auch Immunsystem genannt, schützt ihn vor äußeren
Einflüssen, wie Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen. Es ist ein komplexes System
zur Erhaltung der Individualstruktur durch Abwehr körperfremder Substanzen und kontinuierlicher
Elimination anormaler Körperzellen. Diese Schutzfunktion ist für den menschlichen Organismus
außerordentlich wichtig. Im Fall von Autoimmunkrankheiten kann das Abwehrsystem
körpereigenes Gewebe nicht mehr erkennen, es erscheint ihm fremd, ja sogar feindlich. Eine
falsche Zielvorgabe oder Programmierung führt zu einer folgenschweren Verwechslung:
anstelle der Bekämpfung von Krankheitserregern werden Teile des eigenen Körpers als
‘fremd’ angesehen und bekämpft. Was hier auf körperlicher Ebene nicht erkannt wird, steht
manchmal für einen unterdrückten, entfremdeten Teil des eigenen Wesens, der dem
Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist (s. Arno Gruen: der Fremde in uns). Eine ausführliche
Anamnese (griech.: Wieder–Erinnern) zu Beginn der Behandlung, die den ganzen Menschen
und nicht nur ein erkranktes Organ untersucht, kann daher schon der erste wichtige heilsame
Schritt sein. Wenn man Betroffenen in der Praxis aufmerksam zuhört, kann man in vielen
Fällen Sätze wie diese hören: „ich bin mir in den letzten Jahren irgendwie selbst fremd
geworden“ / „ich habe mich selbst dabei verloren“ / „ich kenne mich gar nicht mehr wieder“
etc.. Diese Aussagen können wichtige Hinweise geben, was als Auslöser am Anfang einer
Irritation des Immunsystems stand, die irgendwann zur Krankheit wurde. Gehäuft lassen sich
physische oder psychische Traumata oder lang anhaltende, emotional schwierige
Lebenssituationen, in der Vorgeschichte der betroffenen Patienten feststellen. Solche
Beobachtungen lassen das Bild einer charakteristischen prämorbiden Persönlichkeitsstruktur
deutlicher werden.
Der kranke Mensch, der sich selbst fremd geworden ist, ist gefangen in seinen Identifikationen
(lat. idem facere = ‘ich mache mich zu dem selben’, d.h. zum Bild von mir, oder ‘ich mache
immer das selbe’). Er identifiziert sich mit in der Kindheit erworbenen Selbstbildern, mit
Vorgängern im Familiensystem oder mit Tugenden, die unverdaut, fremd und damit schädlich
bleiben, anstatt integriert oder ausgeschieden zu werden. Je mehr er mit seinem Selbstbild
identifiziert ist, desto mehr ist er bei Verstand und weitgehend von Sinnen. Das heißt das
Sinnesleben ist taub geworden und der Mensch nimmt zuwenig von dem was nährt und
nützt, und zuviel von dem was schadet. Dies ist, vereinfacht gesprochen, der Hauptgrund
für Kranksein.
In der Schulmedizin ignoriert und negiert man weitgehend diese Erkenntnisse. Dies hat drei
Gründe: Zum Ersten wird häufig die ‘Verantwortung für’ mit der ‘Schuld an’ der Erkrankung
verwechselt. Zum Zweiten sind die meisten Ärzte vollständig damit beschäftigt, die oft sehr
bedrohlichen physischen Krankheitssymptome in den Griff zu bekommen.
Die Berücksichtigung möglicher psychosomatischer Zusammenhänge erfordert – meist nicht
vorhandene – Behandlungszeit und entsprechende Ausbildung und Erfahrung. Zum Dritten
gibt es keine Medikamente, die auf vergangene Lebenssituationen Einfluss nehmen könnten.
Die medikamentöse Therapie ist aber meist das einzige was kranken Menschen von Ärzten
angeboten werden kann. Zum Glück herrscht bei immer mehr Medizinern zunehmend ein
Konsens darüber, dass bei Autoimmunerkrankungen ein multikausales Geschehen vorliegt,
wenngleich über die Gewichtung auslösender physischer und psychischer Krankheitsfaktoren
noch viel Uneinigkeit herrscht.
Die Schulmedizin setzt als Therapie gegen die gebildeten Autoantikörper, d.h. vom Organismus
gegen sich selbst gerichtete Abwehrzellen, massive anti-entzündliche (v.a. hochdosierte
Cortison-Impuls-Therapie) und immunsuppressive (unser eigenes Abwehrsystem
unterdrückende) Medikamente mit teilweise gravierenden Nebenwirkungen ein. Manchmal,
besonders in sehr schweren und bedrohlichen Fällen, mag dieses Vorgehen durchaus
gerechtfertigt sein. Ohne Zweifel kann es ein großer Erfolg sein, wenn sich körperliche
Krankheitssymptome, d.h. organische Manifestationen einer tieferliegenden Störung, nicht
mehr zeigen.
Diese Medikamente haben größtenteils erhebliche Nebenwirkungen und führen im besten
Fall zu einer Linderung der Symptome. Oft können sie aber nicht mal lindern. Beispielsweise
bewirken bei einer Hashimoto-Thyreoiditis die verschriebenen Hormone häufig iatrogene
(durch die Behandlung hervorgerufene) Beschwerden, bekannt als „Hyperthyreosis factitia“
und bei 20% der Behandlungen wird überhaupt keine Wirkung auf die typischen Symptome
erreicht. In der immunsuppressiven Behandlung der Multiplen Sklerose profitieren nur 30%
von der medikamentösen Therapie.
Erkentnisse der heutigen Medizin werden anerkannt und vor allem in der Diagnostik genutzt.
Darüber hinaus sollte jedoch gerade in der Therapie ein mechanistisches Bild des Menschen
ergänzt werden. Wichtig ist eine Perspektive, die den Menschen wieder als mehr, als die
Summe seiner Teile erkennt und ihn in Wechselwirkung mit seiner Umwelt versteht.
Die entscheidende Frage am Anfang der Behandlung sollte sein: Wen oder was müssen wir
behandeln? Das betroffene Organ, das sekundär durch ein irritiertes Immunsystem erkrankte?
Das Immunsystem selbst – aber wie? Bisher unterdrücken wir es nur. Den gesamten Menschen
– aber wie und woran erkennen wir, dass er geheilt, oder nur wieder der „Alte“ ist, d.h. der,
der ursprünglich erkrankte? Wie können wir in der Therapie bei chronisch kranken Menschen
z.B. auf belastende familiäre und berufliche Gesichtspunkte heilsam einwirken?
Mitte der 1970-er Jahre hat sich die wenig beachtete Fachrichtung ‘Psychoneuroimmunologie’
etabliert (ab Mitte der 1990-er Jahre ‘Neuro-Endokrino-Immunologie’ genannt). Die Wirkungen
psychischer Stressoren (Stimmung, Wahrnehmung, Lebensumstände etc.) auf das
Immunsystem und das gesamte Befinden des Menschen werden dabei untersucht. Das
Nerven- und Immunsystem beeinflussen und steuern sich wechselseitig. Die Weichenstellungen
für spätere Krankheiten werden gerade in der frühen Kindheit festgelegt. Die Fähigkeit ‘selbst’
von ‘fremd’ zu unterscheiden, erlernen die T–Zellen des Immunsystems lange vor der Geburt
bis zur Pubertät in der Thymusdrüse. Affekte (automatisch mit Gefühlen verbundener Ausdruck)
und Affektkontrolle, d.h. wie wir in der Welt sind mit Humor, Freude, Moral und Ethik, werden
von der rechten Gehirn-Hemisphäre geprägt (in den ersten eineinhalb Jahren ausgebildet
zu 80%). Emotional leben, lernen wir also bevor das Denken beginnt. Die linke Gehirn-
Hemisphäre schafft zeitversetzt dazu Begrifflichkeit und Selbst-Bilder. Diese Selbst-Bilder
sind es, die uns als Erwachsene einschränken und uns ein einfältiges statt vielfältiges und
zufriedenes Leben bescheren.
Selbst-Erkenntnis und Selbst-Bewusstsein entwickeln sich also in der Kindheit. Ein gestörtes
psychisches Selbstbewusstsein und ein Selbstbewusstsein auf der Ebene der Körperzellen
(biochemisch durch MHC-Proteine repräsentiert) bedingen sich also gegenseitig. Diese
Tatsache hat weitreichende Konsequenzen in Bezug auf erfolgsversprechene Therapiekonzepte.
Ein Ziel der Therapie, neben der Behandlung physischer Dysregulation, sollte damit auch
sein den Menschen, dessen Immunsystem eigene Organe angreift und zerstört, zu unterstützen
sich selbst wieder zu erkennen und neu kennenzulernen. Herauszufinden, wer gemeint ist,
wenn der oder die Betreffende „ICH“ sagt. Selbstbilder und überholte Lebensgewohnheiten
müssen dabei häufig in Frage gestellt werden. Manchmal ertönt Un-Erhörtes wieder, das
wofür die Sinne im Laufe der Sozialisierung taub geworden sind, und erinnert an die
individuellen, eigen-artigen Wünsche, Bedürfnisse und Aufträge, die jeder ins Leben mitbringt
und die nur von ihm oder ihr selbst verwirklicht werden können.
Krankheit ist in diesem Fall nicht nur Ausdruck und Resultat vergangener Ereignisse, sondern
weist auch wie ein Gestaltungs-Auftrag in die Zukunft. Krankheit erweist sich dann oft als
(Um-)Weg, um dringend Notwendiges im Leben zu verwirklichen. Fragen, die in diesem
Zusammenhang therapeutisch wichtig werden – und häufig von Therapeuten und Patienten
nicht gestellt werden – zielen darauf ab zu verstehen, was diese Unterbrechung im gewohnten
Lebenslauf zu bedeuten hat. Was möchte noch von mir gelebt werden? Wofür bin ich auf
dieser Welt? Welchen Sinn gebe ich meinem Leben – mit und ohne Kranksein? Was hat sich
durch die Krankheit für mich positiv verändert? („mehr Zeit für mich…“ / „gesehen werden…“
/ „aussteigen aus unbefriedigender Lebenssituation…“) und wie kann ich das verwirklichen
ohne krank zu sein.
In der Therapie können ungewohnte sinnliche Erfahrungen zur Reifung kommen, um wieder
entscheiden zu können, wie ich meine Aggression einsetzen kann. Aggression nicht als
Feindseligkeit, sondern als Fähigkeit auf das zuzugehen was mir gut tut, davon wegzugehen
was mir schadet, oder dagegen anzugehen was mich bedroht.
Die Aggression, eine menschliche Eigenschaft, die den Menschen mit dem Tier verbindet
und von Pflanze und Mineral unterscheidet, ist also die Fähigkeit zum Ortswechsel, die dem
Erkrankten abhanden gekommen ist. Wenn der eigenen Kraft keine Richtung gegeben wird,
wendet sie sich gegen einen selbst. Im Fall der Autoaggression ist der Mensch fixiert auf das
`dagegen´, anstatt die Eigenverantwortung zu übernehmen, andere Menschen,
Lebenssituationen, Lebensweisen und Orte aufzusuchen, die mehr seinen Bedürfnissen
gerecht werden – oder zu verlassen, wenn sie ihm schaden. Die Orientierungslosigkeit, die
sich in der Krankheit mikrokosmisch auf Zellebene widerspiegelt, hat ihre Entsprechung im
makrokosmischen Bereich des gestörten Beziehungslebens, d.h. in der Beziehung zu sich
selbst, zu den Mitmenschen, der umgebenden Natur und zu einer allumfassenden, größeren
Ordnung, die wir als göttlich bezeichnen.
So ist Krankheit immer auch ein Aufruf der Natur wieder in die Ordnung zu kommen.
Hier sind Therapeuten aller Fachrichtungen aufgefordert, neben der oft notwendigen
Arzneitherapie, weitere Möglichkeiten zu schaffen, den kranken Menschen in der Anamnese
und der folgenden Therapie heil werden zu lassen. Heilung bedeutet in diesem Sinne immer,
sich an seine Ganzheit zu erinnern, an das was der Mensch im Prinzip (lat. ad principium:
von Anfang an) vor seinen Identifikationen war und wollte und jetzt dringend zu einem
befriedigenden und gesünderen Leben braucht.
Wir erleben in unserer heutigen (urbanen) Welt immer mehr das Phänomen, dass sich
Menschen, die gegenseitig voneinander abhängig sind, gegeneinander wenden. Im Fall der
Autoimmunerkrankungen stehen wir vor einer neuen Dimension dieser krankhaften Tendenz,
nämlich, dass sich der einzelne aus unbewusster Hilf- und Orientierungslosigkeit gegen sich
selbst wendet (in der Psychologie ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt unter der Bezeichnung
‘Retroflektion’). Wenn wir diesen Umstand nicht berücksichtigen und in die Therapie
miteinbeziehen, werden wir auf das Wesen der Autoimmunkrankheiten keinen Einfluss
nehmen können und mit unseren selbstbeschränkten medizinischen Möglichkeiten an der
Peripherie des Krankheitsgeschehens bleiben.
Das Gesagte soll auf keinen Fall den Anschein erwecken die sog. Schulmedizin hätte keinen
berechtigten Platz in der Therapie der Autoimmunerkrankungen. Zugleich bin ich aber auch
der Meinung, dass Simultanbehandlung (z.B. Allopathie + Homöopathie + Psychotherapie)
und manchmal auch homöopathische Monotherapie für den Patienten mehr Nutzen bringen
kann, als das in der Behandlung heute der Fall ist.
Aus diesem Grund setze ich mich für eine Therapie ein, die nicht nur körperliche Parameter
als Heilungskriterien berücksichtigt.
Die klassische Homöopathie und verschiedene psychotherapeutische Verfahren haben sich
in meiner Praxis bei Autoimmunerkrankungen gut bewährt, auch und gerade bei schweren
Pathologien. Der Vorteil liegt nicht nur in der oft schnellen Linderung der beschwerlichen
Akutsymptomatik, sondern es können in der erwähnten prämorbiden Persönlichkeitsstruktur
der Patienten erstaunliche Wirkungen und Veränderungen beobachtet werden – eben bei
diesen Faktoren, die die Krankheit ursprünglich ausgelöst haben, heute aufrechterhalten und
immer wieder zu neuen Ausbrüchen führen können.
Vor dem Hintergrund dieser Gesichtspunkte scheint es in der heutigen Medizin noch viel zu
tun zu geben, um ungewöhnlichen Krankheiten angemessen zu begegnen.
Vor allem aber können wir alle noch viel lernen im achtsamen, freundlichen Umgang mit uns
selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt – es lohnt sich.