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Markus Breitenberger
Heilpraktiker in München

Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen gehören in Europa zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Das Immunsystem erklärt dabei fälschlicherweise körpereigene Zellen und Gewebe zum Feind. Durch die ungeklärten Ursachen, den unvorhersehbaren Verlauf und eine schulmedizinische Behandlung, die allenfalls Linderung, aber keine Heilung verspricht, ist die Diagnose für fast alle Betroffenen zunächst ein Schock. Nach meiner Erfahrung als Heilpraktiker in München kann jedoch eine ganzheitliche Behandlung, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse ebenso wie psychosomatische Faktoren mit einbezieht selbst in schweren Fällen hoffnungsvolle Ergebnisse liefern. 

Nicht selten zeigt sich in der Therapie, dass den Beschwerden auf der Körperebene eine seelische Entfremdung vorausgegangen ist, die durch die Autoimmunerkrankung im Bereich der Zellen ihren Ausdruck sucht. Das Entdecken alternativer Wege, den eigenen Bedürfnissen und Lebensaufgaben zu begegnen, kann dann zusätzlich zur nebenwirkungsfreien Medikation zu einer Besserung und manchmal auch Heilung der Autoimmunerkrankungen beitragen.

Auf den folgenden Seiten erfahren Sie mehr über die Hintergründe von Typ-I-Diabetes, Lupus erythematodes, Hashimoto-Thyreoiditis, Colitis ulcerosa, Rheumatoider Arthritis und anderen Autoimmunerkrankungen sowie die Möglichkeiten, ein fehlgeleitetes Immunsystem wieder zu besänftigen.

Betroffene Organe

Autoimmunreaktionen können jedes Organ betreffen, von der Haarwurzelzelle (Alopezia areata) bis zum Herz (autoimmune Kardiamyopathie).

• Multiple Sklerose Zentrales Nervensystem
• Morbus Hashimoto Schilddrüse
• Morbus Basedow Schilddrüse
• Sprue / Zöliakie Verdauungstrakt
• Morbus Crohn Verdauungstrakt
• Colitis ulcerosa Verdauungstrakt
• Vitiligo Haut
• Psoriasis Haut
• Urticaria Haut
• Mucocutane Candidiasis Haut
• Lupus erythematodes Haut
• Bullöses Pemphigoid Haut
• Rheumatoide Arthritis Gelenke
• Morbus Bechterew Gelenke
• Perniziöse Anämie Blut
• Arteriosklerose Blutgefäße
• Chronisch autoimmune Gastritis Magen
• Juveniler Diabetes mellitus Bauchspeicheldrüse
• Chronisches Erschöpfungssyndrom vermutlich Hormonsystem

 

Auch wenn in allen Teilbereichen der Medizin Autoimmureaktionen auftreten können, sind es doch ähnliche oder teilweise sogar identische molekulare und pathophysiologische Grundlagen, die diese Krankheiten auslösen.

Begleiterkrankungen

Als Begleiterkrankungen treten folgende Beschwerden gehäuft auf:

  • Fibromyalgie
    Nichtentzündliche Erkrankung mit diffusen Muskelschmerzen
    Beginn meist ab dem 35. Lebensjahr
  • Lichen ruber planus
    Knötchenflechte
    lokale oder generalisierte entzündliche, juckende Haut-Schleimhaut-Erkrankung
  • Raynaud-Syndrom
    Gefäßerkrankung durch Gefäßkrämpfe
    anfallsartig an Fingern und Zehen

Ursachen

Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt vorwiegend auf Zellebene an Mäusen. Daraus ergeben sich viele neue spekulative Therapievorschläge. Ein hochkomplexes, evolutionär stark unter Druck stehendes menschliches Immunsystem weist jedoch erhebliche Unterschiede zu Mäusen auf.

Für Autoimmunkrankheiten sind keine eindeutigen Ursachen bekannt. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich die medizinische Forschung fast ausschließlich auf genetische Defekte als monokausales Ursachenmodell konzentriert. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass ein genetisches Merkmal allein nur sehr selten eine Krankheit ausbrechen lässt. Meist sind der Krankheit bestimmte Auslöser in einer labilen Lebenssituation vorausgegangen. In der Krankheitsentstehung (Pathogenese) werden vier innere und äußere Auslöser diskutiert, die immer mehr oder weniger beteiligt sind.

I. Störung der Immuntoleranz / Selbsttoleranz

Um das Jahr 1900 erkannte der Mikrobiologe Paul Ehrlich den Unterschied zwischen „selbst“ und „nicht selbst“. Im Organismus höher entwickelter Lebewesen muss es eine Barriere geben, damit das Abwehrsystem keine körpereigenen Gewebe angreift. Hauptakteure in diesem Geschehen sind B-Zellen (reifen im Knochenmark und sorgen für die humorale Abwehr) und T-Zellen (reifen im Thymus und sorgen für die zelluläre Abwehr). Die Mechanismen der Toleranzvermittlung sind nicht vollständig geklärt. Drei Hypothesen sind von besonderer Bedeutung:

  1. T-Zellen differenzieren sich in T-Killerzellen, T-Regulatorzellen und T-Helferzellen. Letztere teilen sich in Th1 (entzündungsfördernde) und Th2 (entzündungshemmende) Botenstoffe. T-Regulatorzellen kümmern sich um deren Balance. Wenn diese Balance gestört ist, kommt es zu autoimmunen Reaktionen.
  2. In der Thymusdrüse lernen die T-Zellen sogenannte Selbsterkennungsproteine zu identifizieren. Diese MHC-Proteine sind verantwortlich für die Oberflächenstruktur körpereigener Zellen, sozusagen deren Ausweis. Nur 3% der T-Zellen schaffen diesen Test, der Rest wird aussortiert. Können sich T-Zellen durch diese Prüfung mogeln, erkennen sie später körpereigenes Gewebe nicht und lösen autoimmune Entzündungsprozesse aus.
  3. Auch bei manchen gesunden Menschen gibt es noch autoreaktive B-Zellen (Lymphozyten). Damit liegt der Schluss nahe, dass diese im Lauf der embryonalen Entwicklung nicht zerstört, sondern nur gehemmt werden. Durch irgendwelche Ursachen (Stress, Umweltbelastung, Infekte, genetischer Defekt…) werden diese autoreaktiven Zellen übermäßig aktiviert.

II. Fehlprogrammierung durch molekulare Mimikry

Verschiedene bakterielle und virale Infekte können offensichtlich Autoimmunkrankheiten auslösen. Der Erreger hat in diesem Fall große Ähnlichkeit mit der Struktur körpereigenen Gewebes. Dies dient ihm als Tarnung, um ungehindert in den menschlichen Organismus eindringen und sich vermehren zu können. Bekannt sind Fälle von rheumatischem Fieber nach Streptokokkeninfekt oder das gehäufte Auftreten von juvenilem Diabetes mellitus nach einer Virusinfektion wie Masern.

Auch werden häufig Autoimmunkrankheiten nach Mononukleose beobachtet. Immer deutlicher wird auch, dass Impfungen einzelne Autoimmunprozesse begünstigen bzw. aktivieren können. Besonders auffällig ist hierbei der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Multipler Sklerose und einer Impfung gegen neurotrope Erreger (Polio, Masern, Tetanus, FSME).

III. Umweltfaktoren

  1. Hygiene-Hypothese
    Autoimmunkrankheiten sind – ebenso wie Allergien und Krebserkrankungen – in den westlichen Ländern stetig auf dem Vormarsch, während die Zahl der Neuerkrankungen in Ländern der sogenannten dritten Welt konstant niedrig bleibt. Durch den Rückgang natürlicher Infektionsquellen in Industrienationen kommt es vermutlich zu einer Unterförderung und Überforderung des Immunsystems. Im Tierversuch konnte bestätigt werden, dass Mäuse weniger Autoantikörper produzieren, wenn sie vorher Kontakt zu Bakterien-Bestandteilen hatten.
  2. Schadstoffe
    Im Folgenden einige Fakten zu diesem Thema:

    • Bereits 300 verschiedene synthetische Stoffe können in der Muttermilch nachgewiesen werden.
    • Kinder haben laut WWF mehr Chemikalien im Blut als ihre Mütter (durch Kontakt mit Gebrauchsgütern).
    • Laut EU-Chemikalien-Richtlinie sind von über 100.000 genutzten Substanzen die wenigsten auf ihr Gefährlichkeitspotenzial getestet worden.
    • Sieben Impfstoffe im dritten Lebensmonat; weitere fünf ab dem zwölften Lebensmonat
    • Die meisten Medikamente im Kindesalter werden im ersten Lebensjahr verschrieben.
    • Transfettsäuren, die durch industrielle Härtung von Fetten (Chips, Fastfood) entstehen, werden in Zusammenhang mit der Entstehung von Multipler Sklerose und Morbus Crohn gebracht.
    • Feinstaub aus Verbrennungmotoren
    • Antibiotika in der Tiermast

IV. Vererbung bzw. Veranlagung

Autoimmunkrankheiten werden nicht direkt vererbt, so dass man von einer Veranlagung ausgeht, die durch einen exogenen oder endogenen Reiz aktiviert werden kann. Zahlreiche Laborparameter sind bekannt, um die mögliche Veranlagung zu verifizieren oder auszuschließen. Genetisch bedeutet also nicht zwingend unumgänglich. Immer ist ein äußerer oder innerer Auslöser beteiligt, da die in den Genen vorgegebene Bauanleitung für ein bestimmtes Eiweiß noch lange nicht garantiert, dass dieses auch entsteht. Ob eine bestimmte Erkrankung ausbrechen kann oder nicht, hängt – auch bei genetischen Krankheiten – davon ab, in welcher Verfassung der Mensch. Diese Vorbedingungen lassen sich gerade durch homöopathische Behandlung gut beeinflussen.

Weitere Ursachen

Welche Faktoren, die nicht in Zentimetern, Gramm und Sekunden, den Parametern der Naturwissenschaften, gemessen werden können, sind noch an diesem autoimmunen Krankheitsgeschehen beteiligt? Das Abwehrsystem des Menschen, auch Immunsystem genannt, schützt ihn vor äußeren Einflüssen wie Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen.

Es ist ein komplexes System zum Erhalt der Individualstruktur durch Abwehr körperfremder Substanzen und kontinuierlicher Zerstörung anormaler Körperzellen. Diese Schutzfunktion ist für den menschlichen Organismus außerordentlich wichtig.

Im Fall von Autoimmunkrankheiten kann das Abwehrsystem körpereigenes Gewebe nicht mehr erkennen – es erscheint ihm fremd, ja sogar feindlich. Eine falsche Zielvorgabe oder Programmierung führt zu einer folgenschweren Verwechslung: Anstelle der Bekämpfung von Krankheitserregern werden Teile des eigenen Körpers als fremd angesehen und bekämpft. Was hier auf körperlicher Ebene nicht erkannt wird, steht manchmal für einen unterdrückten, entfremdeten Teil des eigenen Wesens, der dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist (vgl. Arno Gruen: Der Fremde in uns).

Eine ausführliche Anamnese (griech.: Wieder-Erinnern) zu Beginn der Behandlung, die den ganzen Menschen und nicht nur ein erkranktes Organ untersucht, kann daher schon der erste wichtige, heilsame Schritt sein.

Wenn ich Betroffenen in der Praxis aufmerksam zuhöre, kann ich in vielen Fällen Sätze wie diese hören: „Ich bin mir in den letzten Jahren irgendwie selbst fremd geworden“ / „Ich habe mich selbst dabei verloren“ / „Ich kenne mich gar nicht mehr wieder“ etc. Diese Aussagen können wichtige Hinweise geben, was als Auslöser am Anfang einer Irritation des Immunsystems stand, die irgendwann zur Krankheit wurde. Gehäuft gibt es physische oder psychische Traumata oder lang anhaltende, emotional schwierige Lebenssituationen in der Vorgeschichte der betroffenen Patienten. Solche Beobachtungen lassen das Bild einer charakteristischen prämorbiden Persönlichkeitsstruktur deutlicher werden.

Entfremdung

Der kranke Mensch, der sich selbst fremd geworden ist, ist gefangen in seinen Identifikationen (lat.: idem facere = sich zu demselben machen, d. h. zum Bild von sich, oder: immer dasselbe machen). Er identifiziert sich mit in der Kindheit erworbenen Selbstbildern, mit Vorgängern im Familiensystem oder mit Tugenden, die unverdaut, fremd und damit schädlich bleiben, anstatt integriert oder ausgeschieden zu werden.

Je mehr er mit seinem Selbstbild identifiziert ist, desto mehr ist er bei Verstand und weitgehend von Sinnen. Das Sinnesleben ist gleichsam taub geworden, und der Mensch nimmt zu wenig von dem, was nährt und nützt, und zuviel von dem, was schadet. Dies ist, vereinfacht gesprochen, der Hauptgrund für Kranksein.

In der Schulmedizin ignoriert und negiert man diese Erkenntnisse weitgehend. Dies hat drei Gründe: Erstens wird häufig die ‘Verantwortung für’ mit der ‘Schuld an’ der Erkrankung verwechselt. Zweitens sind die meisten Ärzte vollständig damit beschäftigt, die oft sehr bedrohlichen physischen Krankheitssymptome in den Griff zu bekommen. Die Berücksichtigung möglicher psychosomatischer Zusammenhänge erfordert – meist nicht vorhandene – Behandlungszeit sowie entsprechende Ausbildung und Erfahrung. Drittens gibt es keine Medikamente, die auf vergangene Lebenssituationen Einfluss nehmen könnten.

Die medikamentöse Therapie ist aber meist das Einzige, was Ärzte kranken Menschen anbieten können. Zum Glück setzt sich bei immer mehr Medizinern die Erkenntnis durch, dass bei Autoimmunerkrankungen ein multikausales Geschehen vorliegt, wenngleich über die Gewichtung auslösender physischer und psychischer Krankheitsfaktoren noch viel Uneinigkeit herrscht.

Therapie

Die Schulmedizin setzt als Therapie gegen die gebildeten Autoantikörper, das heißt vom Organismus gegen sich selbst gerichtete Abwehrzellen, massive anti-entzündliche und immunsuppressive (unser eigenes Abwehrsystem unterdrückende) Medikamente ein. In sehr schweren und bedrohlichen Fällen mag dieses Vorgehen durchaus gerechtfertigt sein. Ohne Zweifel kann es ein großer Erfolg sein, wenn sich körperliche Krankheitssymptome, also organische Manifestationen einer tieferliegenden Störung, nicht mehr zeigen.

  • Cortison (in wechselnder Dosierung, häufig über lange Zeit bzw. lebenslang)
  • Aspirin-Abkömmlinge (Azulfidine)
  • Immunsuppressiva (Chlorquin / Methothrexat)
  • Zellgifte (Azathioprin / Cyclophosphamid) (immunsuppressiv)

Diese Medikamente haben größtenteils erhebliche Nebenwirkungen und führen im besten Fall zu einer Linderung der Symptome. Oft können sie aber nicht einmal die Beschwerden lindern. Beispielsweise bewirken bei einer Hashimoto-Thyreoiditis die verschriebenen Hormone häufig iatrogene (durch die Behandlung hervorgerufene) Beschwerden, bekannt als „Hyperthyreosis factitia“, und bei 20% der Behandlungen wird überhaupt keine Wirkung auf die typischen Symptome erreicht. In der immunsuppressiven Behandlung der Multiplen Sklerose profitieren nur 30% der Patienten von der medikamentösen Therapie.

Alternativen

Erkenntnisse der heutigen Medizin werden anerkannt und vor allem in der Diagnostik genutzt. Darüber hinaus sollte jedoch gerade in der Therapie ein mechanistisches Bild des Menschen ergänzt werden. Wichtig ist eine Perspektive, die den Menschen wieder als mehr als die Summe seiner Teile erkennt und ihn in Wechselwirkung mit seiner Umwelt versteht.

Die entscheidende Frage am Anfang der Behandlung sollte sein: Wen oder was müssen wir behandeln? Das betroffene Organ, das sekundär durch ein irritiertes Immunsystem erkrankte? Das Immunsystem selbst – aber wie? Bisher unterdrücken wir es nur. Den gesamten Menschen? Aber wie und woran erkennen wir, dass er geheilt statt nur wieder „der Alte“ ist, also der, der ursprünglich erkrankte? Wie können wir in der Therapie bei chronisch kranken Menschen zum Beispiel auf belastende familiäre und berufliche Gesichtspunkte heilsam einwirken?

Mitte der 1970er-Jahre hat sich die wenig beachtete Fachrichtung Psychoneuroimmunologie etabliert (seit Mitte der 1990er-Jahre Neuro-Endokrino-Immunologie genannt). Sie untersucht die Auswirkungen psychischer Stressoren (Stimmung, Wahrnehmung, Lebensumstände etc.) auf das Immunsystem und das gesamte Befinden des Menschen. Nerven- und Immunsystem beeinflussen und steuern sich wechselseitig.

Die Weichen für spätere Krankheiten werden gerade in der frühen Kindheit gestellt. Die Fähigkeit „selbst“ von „fremd“ zu unterscheiden, erlernen die T-Zellen des Immunsystems lange vor der Geburt bis zur Pubertät in der Thymusdrüse. Affekt (automatisch mit Gefühlen verbundener Ausdruck) und Affektkontrolle, also wie wir in der Welt sind mit Humor, Freude, Moral und Ethik, werden von der rechten Gehirnhälfte geprägt und in den ersten eineinhalb Lebensjahren zu 80% ausgebildet.

Emotional zu leben lernen wir also, bevor das Denken beginnt. Die linke Gehirnhälfte schafft zeitversetzt Begrifflichkeit und Selbstbilder. Diese Selbstbilder sind es, die uns als Erwachsene einschränken und uns ein einfältiges statt vielfältiges und zufriedenes Leben bescheren.

Selbst-Erkenntnis und Selbst-Bewusstsein entwickeln sich also in der Kindheit. Ein gestörtes psychisches Selbstbewusstsein und ein Selbstbewusstsein auf der Ebene der Körperzellen (biochemisch durch MHC-Proteine repräsentiert) bedingen sich gegenseitig. Diese Tatsache hat weitreichende Konsequenzen für erfolgversprechene Therapiekonzepte.

Ein Ziel der Therapie sollte neben der Behandlung physischer Dysregulation auch sein, den Menschen, dessen Immunsystem eigene Organe angreift und zerstört, dabei zu unterstützen, sich selbst wieder zu erkennen und neu kennenzulernen: herauszufinden, wer gemeint ist, wenn der oder die Betreffende „ICH“ sagt.

Selbstbilder und überholte Lebensgewohnheiten müssen dabei häufig in Frage gestellt werden. Manchmal ertönt Un-Erhörtes wieder, wofür die Sinne im Laufe der Sozialisierung taub geworden sind, und erinnert an die individuellen, eigen-artigen Wünsche, Bedürfnisse und Aufträge, die jeder ins Leben mitbringt und nur selbst verwirklichen kann.

Krankheit ist in diesem Fall nicht nur Ausdruck und Resultat vergangener Ereignisse, sondern weist auch wie ein Gestaltungsauftrag in die Zukunft. Sie erweist sich oft als (Um-)Weg, um dringend Notwendiges im Leben zu verwirklichen. Fragen, die in diesem Zusammenhang therapeutisch wichtig werden – und häufig von Therapeuten und Patienten nicht gestellt werden –, zielen darauf ab zu verstehen, was diese Unterbrechung im gewohnten Lebenslauf zu bedeuten hat.

Was möchte noch von mir gelebt werden? Wofür bin ich auf dieser Welt? Welchen Sinn gebe ich meinem Leben – mit und ohne Kranksein? Was hat sich durch die Krankheit für mich positiv verändert („mehr Zeit für mich“ / „gesehen werden.“ / „aussteigen aus unbefriedigender Lebenssituation“), und wie kann ich das verwirklichen, ohne krank zu sein?

In der Therapie kommen ungewohnte sinnliche Erfahrungen zur Reife, um wieder entscheiden zu können, wie ich meine Aggression einsetzen kann – Aggression nicht als Feindseligkeit, sondern als Fähigkeit, auf das zuzugehen, was mir gut tut, von dem wegzugehen, was mir schadet, oder gegen das anzugehen, was mich bedroht.

Die Aggression ist eine Eigenschaft, die den Menschen mit dem Tier verbindet und von Pflanze und Mineral unterscheidet. Sie ist die Fähigkeit zum Ortswechsel, die dem Erkrankten abhanden gekommen ist. Wenn der eigenen Kraft keine Richtung gegeben wird, wendet sie sich gegen einen selbst. Im Fall der Autoaggression ist der Mensch fixiert auf das ‚Dagegen‘, anstatt die Verantwortung zu übernehmen, indem er andere Menschen, Lebenssituationen, Lebensweisen und Orte aufsucht, die seinen Bedürfnissen besser gerecht werden – oder sie verlässt, wenn sie ihm schaden.

Die Orientierungslosigkeit, die sich in der Krankheit mikrokosmisch auf Zellebene widerspiegelt, hat ihre Entsprechung im makrokosmischen Bereich des gestörten Beziehungslebens, das heißt in der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, der umgebenden Natur und zu einer allumfassenden, größeren Ordnung, die wir als göttlich bezeichnen.

So ist Krankheit immer auch ein Aufruf der Natur, wieder in die Ordnung zu kommen. Hier sind Therapeuten aller Fachrichtungen aufgefordert, neben der oft notwendigen Arzneitherapie weitere Möglichkeiten zu schaffen, den kranken Menschen in der Anamnese und der folgenden Therapie heil werden zu lassen.

Heilung bedeutet in diesem Sinne, sich an seine Ganzheit zu erinnern – an das, was der Mensch im Prinzip (lat.: ad principium = von Anfang an) vor seinen Identifikationen war und wollte und jetzt dringend zu einem befriedigenden und gesünderen Leben braucht.

Wir erleben in unserer heutigen (urbanen) Welt immer häufiger das Phänomen, dass Menschen, die voneinander abhängig sind, sich gegeneinander wenden. Im Fall der Autoimmunerkrankungen stehen wir vor einer neuen Dimension dieser krankhaften Tendenz, nämlich, dass sich der Einzelne aus unbewusster Hilf- und Orientierungslosigkeit gegen sich selbst wendet (in der Psychologie ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt unter der Bezeichnung Retroflektion).

Wenn wir diesen Umstand nicht berücksichtigen und in die Therapie einbeziehen, werden wir auf das Wesen der Autoimmunkrankheiten keinen Einfluss nehmen können und mit unseren selbstbeschränkten medizinischen Möglichkeiten an der Peripherie des Krankheitsgeschehens bleiben.

Das hier Gesagte soll keinesfalls den Anschein erwecken, die sogenannte Schulmedizin hätte keinen berechtigten Platz in der Therapie der Autoimmunerkrankungen. Zugleich bin ich aber der Meinung, dass Simultanbehandlung (z. B. Allopathie + Homöopathie + Psychotherapie) und manchmal auch homöopathische Monotherapie für den Patienten mehr Nutzen bringen können, als das in der Behandlung heute der Fall ist. Aus diesem Grund setze ich mich für eine Therapie ein, die nicht nur körperliche Parameter als Heilungskriterien berücksichtigt.

Die klassische Homöopathie und verschiedene psychotherapeutische Verfahren haben sich in meiner Praxis bei Autoimmunerkrankungen gut bewährt, auch und gerade bei schweren Pathologien. Der Vorteil liegt nicht nur in der oft schnellen Linderung der beschwerlichen Akutsymptomatik. Vielmehr kann ich in der erwähnten prämorbiden Persönlichkeitsstruktur der Patienten immer wieder erstaunliche Wirkungen und Veränderungen beobachten – eben bei jenen Faktoren, die die Krankheit ursprünglich ausgelöst haben, heute aufrechterhalten und immer wieder zu neuen Ausbrüchen führen.

Vor diesem Hintergrund gibt es in der heutigen Medizin noch viel zu tun, um ungewöhnlichen Krankheiten angemessen zu begegnen. Vor allem aber können wir alle noch viel lernen im achtsamen, freundlichen Umgang mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt – es lohnt sich.